Liebe auf den zweiten Blick

Veröffentlicht am 22. September 2026 um 12:32

Nachdem der Besuch des letzten größeren Schlosses, leider sehr verregnet war, wollten wir einen neuen Versuch mit dem Conwy Castle starten. Doch bevor wir Anglesey wieder verließen, musste noch ein kurzer Stopp im Ort mit dem längsten Ortsnamen Europas sein.

In Llanfairpwllgwyngyll kann man am Bahnhof anhalten und gleich mehrere Schilder mit dem Ortsnamen bewundern. Der vollständige Name lautet Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch und hat 58 Zeichen. Grob übersetzt bedeutet er: „Marienkirche in der Mulde bei den weißen Haseln über dem Wirbelstrom und die Kirche des heiligen Tysilio bei der roten Höhle.“ Ein Name, bei dem selbst die Einheimischen lieber bei „Llanfairpwll“ oder einfach „Llanfair PG“ bleiben. Kein Wunder also, dass die Domain des Ortes als längste Einwortdomain im Guinessbuch der Rekorde steht. Wer sich zur Entstehung des Namens, sowie zur korrekten Aussprache schlau machen möchte, kann sich auf dieser Webseite umsehen.. 

Dieses Mal überquerten wir die 1850 erbaute Britannia Bridge, um wieder auf das Festland zu gelangen. Diese Brücke war in Wales auf vielen Flyern zu sehen, weil sie ursprünglich als Eisenbahnbrücke aus schmiedeeisernen Röhren konstruiert wurde. Uns persönlich gefiel die Menai Suspension Bridge, über die wir auf dem Hinweg gefahren waren, allerdings besser. 

In Conwy angekommen, fiel uns der dichte Verkehr auf. Eine Stadtmauer umgab den Innenstadtbereich und Autos stauten sich vor den Mauern sowie in den Durchfahrten in die Innenstadt. Eine Hauptverkehrsstraße führte mitten durch diese hindurch und sorgte damit für den ganzen Autotrubel. Glücklicherweise fanden wir einen Parkplatz außerhalb der Mauern, wo es noch etwas ruhiger zuging.

Zunächst liefen wir zur Stadtmauer. Wir hatten gelesen, dass man auf dieser spazieren gehen und somit den ganzen Ortskern umrunden konnte. Die rund 1,3 Kilometer lange Mauer ist nahezu vollständig erhalten und besitzt 21 Türme sowie drei ursprüngliche Stadttore. Über mehrere Zugänge konnte man auf die Mauer einsteigen. Wir nahmen den nächstbesten und begannen unseren besonderen Spaziergang. Dass Hunde auf den Maueranlagen gar nicht erlaubt waren, wussten wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Entsprechende Hinweise waren uns vor Ort jedenfalls nicht aufgefallen. Erst als wir später wegen des Castles genauer recherchierten, stießen wir auch auf diese Regel und entdeckten im Nachgang sogar in unseren Bildern ein kleines Hundeverbotssymbol auf einer Hinweistafel.

Ein Stück entlanggegangen sahen wir, dass wir unweit des Schlosseingangs waren und beschlossen doch zunächst dort hinein zu gehen, da dieses an Öffnungszeiten gebunden war. So verließen wir den Rundgang wieder und steuerten auf den Eingang des Schlosses zu. Die Außenmauern waren im Gegensatz zu vielen anderen Schlössern sehr gut erhalten und so ragte das Castle imposant empor.

Am Eingang sahen wir es dann – das Schild mit der Aufschrift „Hunde verboten“. Etwas verwundert recherchierten wir nochmal, denn immerhin hatten wir vorher beide mittels ChatGPT und der Google KI (Künstliche Intelligenz) ermittelt, in welche Castles wir mit Benji hineindurften. Tatsächlich fanden wir den Passus dann – Hunde dürfen mit nach Conwy, allerdings nur von November bis Ende Februar). Das hatten die lieben KIs uns leider verschwiegen. Das enttäuschte uns jetzt doch sehr und wir waren gezwungen, unseren Plan zu ändern. Aber vielleicht war das auch gar nicht schlimm, denn das Wetter begann sich auch schon wieder zu verschlechtern und unser Freund der Regen hätte uns sonst wahrscheinlich auch dieses Schloss vermiest. 

Nachdem wir nun schon mal in Conwy waren, konnte man wenigstens ein paar andere Dinge mitnehmen. z.B. das kleinste Haus Großbritanniens, das direkt um die Ecke am Hafen lag. Auf dem Weg dorthin sahen wir das Schloss auch nochmal aus einer anderen Perspektive. Das kleine rote Haus lag unscheinbar zwischen anderen Häusern und man hätte es kaum erkannt, wäre es nicht so knallig bemalt gewesen. Eine Dame in einer Tracht stand davor und nahm das Eintrittsgeld von 1,50 Pfund pro Person für eine Besichtigung. Da wir kein Bargeld hatten, konnten wir es dann doch nur von außen ansehen und so schlenderten wir mit einem Schirm in der Hand ein wenig weiter durch den Ort. 

Unsere gute Laune hatte aufgrund der zwangsläufigen Planänderung und des erneuten Regens leider einen kleinen Dämpfer erlitten und so entschlossen wir uns, einen Tea Room zu suchen, um noch das beste aus dem angefangenen Tag zu machen. Eigentlich wollten wir am Tag drauf erst einen prämierten Tea Room für einen original Afternoon Tea anfahren, den wir so als Komplettpaket auf einer Etagere bislang in diesem Urlaub noch nicht gehabt hatten. Meistens musste man diese Arrangements aber vorbestellen. Das hatten wir versucht, aber den Tea Room weder erreicht noch eine Antwort auf unsere E-Mail erhalten.

Deshalb beschlossen wir jetzt, den Afternoon Tea auf heute zu verschieben und hier in Conwy einzunehmen. Dazu fanden wir eine tolle Location, mitten im Zentrum von Conwy - der Pen-y-Bryn Tearoom, der für seinen Afternoon Tea gelobt wurde, auch wenn die restlichen Bewertungen eher zwiegespalten waren. Hunde durften mit hinein und wurden auch direkt mit Leckerlies begrüßt. Die Kellnerin schien sehr hundefreundlich zu sein und war sofort vernarrt in Benji.

Den Afternoon Tea musste man hier auch nicht vorbestellen und so waren wir mutig und orderten gleich zwei davon. Für jeden von uns kam dann eine eigene Etagere mit allem, was das Herz begehrt: Scones mit Marmelade und Cream, Bara Brith mit Butter, ein Sandwich nach Wahl und ein Stück Kuchen nach Wahl.

Wir wählten Sandwiches mit Brie und Cranberries, sowie Sandwiches mit Schinken und Käse. Beim Kuchen probierten wir den Kaffee-Walnuss-Kuchen und den Victoria-Kuchen, der auch überall in Wales präsent ist. Im Prinzip ist das eine Torte aus Biskuitteig mit Cream und Marmelade dazwischen.

Mit 16,50 Pfund je Etagere war das im Vergleich zu anderen Tea Rooms richtig günstig. Und auch total lecker! Endlich hatten wir auch mal Scones gefunden, bei denen alles stimmte: Die Früchte waren reichlich im Scone enthalten, er war richtig schön warm und fluffig, die Cream sah selbstgemacht aus und kam endlich mal nicht in einer Fertigpackung an den Tisch und die Marmelade wurde in einem kleinen versiegelten Gläschen gereicht.

Wir hatten wohl einen Sieger gefunden – diese Scones gewannen unsere Wales Scone Vertestung und waren somit die Sieger unserer Gaumen.

Benji blieb die Attraktion im Tea Room - sowohl die anderen Gäste, als auch die Kellnerin schauten ihn ständig lächelnd an und wollten ihn immerzu streicheln. Diese war auch ganz erpicht darauf den Kleinen ihrer Kollegin vorzustellen, die einige Zeit später auftauchte. 

Nachdem wir es tatsächlich schafften, beide Etageren komplett leer zu putzen, waren wir sehr satt und Marilyn, die nicht so viel Zucker gewohnt war, hatte zudem einen Zuckerschock erlitten (oder besser gesagt, ihr war ein wenig unwohl...).

Unser Fazit: Die Scones überzeugten, die Kuchen eher weniger, da sie etwas trocken waren, die Sandwiches waren lecker und das Bara Brith der Hammer! Das Personal war zudem sehr schnell, aufmerksam und freundlich. Die Google Bewertungen konnten wir nicht teilen - der Tea Room hatte in unseren Augen eine bessere Bewertung verdient.

Nach dieser tollen Entschädigung für den verpassten Schlossbesuch fanden wir sogar noch einen guten Übernachtungsplatz in Conwy neben einem kleinen Wäldchen. Für nur 7,50 Pfund durfte man hier offiziell über Nacht stehen bleiben und so konnten wir uns direkt und ohne weiteren Fahrtstress niederlassen. 


Nach einer ruhigen Nacht machten wir uns auf in die nicht weit entfernten Bodnant Gardens. Schließlich darf bei einem Urlaub in England ein Besuch im botanischen Garten nicht fehlen.

Der Bodnant Garden wird vom National Trust verwaltet und gehört zu dessen großen Gartenanlagen in Wales. Bevor wir allerdings überhaupt den Garten betraten, gab es schon wieder eine kleine Überraschung: Hunde waren hier nur von Donnerstag bis Sonntag erlaubt. Natürlich hatten wir auch das vorher mit Hilfe der KI recherchiert – und natürlich hatte sie uns auch diese kleine, aber durchaus entscheidende Information verschwiegen.
Wir hatten aber tatsächlich Glück, denn es war Samstag. Langsam fragten wir uns, ob man den KI-Ausflugstipps vielleicht doch nicht ganz so blind vertrauen sollte. Immerhin wären wir an einem Montag mit Benji wieder vor verschlossenen Türen gestanden. Man sollte definitiv viel öfter mal hinterfragen was die KI einem liefert. 

Der Parkplatz des Gartens war riesig! Der Garten an sich ebenfalls und so verliefen sich die Besucher dort doch schon sehr. Es gab verschiedene Wege, denen man folgen konnte. Die vorgeschlagenen Rundwege waren ungefähr 3 km und 2 km lang, so dass man, wenn man beide ging, insgesamt 5 km im Garten umhergehen konnte. Es war zudem erlaubt, diese Routen auch zu verlassen und den Garten auf eigene Faust zu erkunden. Genau das taten wir dann auch.

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine Sache, die im ersten Augenblick nicht sonderlich beeindruckt, durchaus noch das Potenzial haben kann, einem ans Herz zu wachsen.

Nach unserem Besuch in den Trebah Gardens auf unserer Europareise in Südengland (Link zum Blogeintrag) waren unsere Erwartungen an einen botanischen Garten vielleicht auch einfach etwas zu hoch. Zunächst erschien uns dieser Garten deshalb eher unspektakulär. Vielleicht auch, weil aktuell die Blütezeit einiger Pflanzen nicht erreicht oder schon vorüber war. Doch je länger wir blieben, desto mehr Schönheiten entdeckten wir – versteckte Winkel, besondere Pflanzen und Bäume und immer wieder neue kleine Details, die uns innehalten ließen. 

Bitte seht uns deshalb die vielen Bilder nach, die nun folgen, denn wir konnten uns aufgrund dieser Vielfalt an tollen Aufnahmen einfach nicht entscheiden. 

Bodnant Garden ist dabei gar kein Garten, der einfach irgendwann komplett neu angelegt wurde. Seine heutige Gestalt entwickelte sich vor allem ab 1874, als der Industrielle Henry Davis Pochin das Anwesen kaufte. Er begann damit, den Garten umfassend umzugestalten und holte dafür den Landschaftsarchitekten Edward Milner zu Hilfe. In den folgenden Generationen wurde der Garten immer weiterentwickelt und mit zahlreichen exotischen Bäumen und Pflanzen ergänzt. Besonders die italienischen Terrassen entstanden erst Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen 1904 und 1914.

Im Zentrum des Gartens befand sich die Waterfall Bridge – eine hübsche Brücke, unter der ein künstlich angelegter Wasserfall nach unten in den Mill Pool plätscherte. Der Bach bzw. Flusslauf schlängelte sich durch den ganzen Garten bis hin zu einer alten Mühle. Auf einem Hügel neben der Brücke erhob sich majestätisch "The Poem" – kein gewöhnlicher Gedenkturm, sondern ein kleines, auffälliges Familienmausoleum für die Familie Pochin und später die Familie McLaren.

Erbaut wurde es 1882/83 von Henry Davis Pochin und seiner Frau Agnes. Besonders tragisch: Die beiden hatten sechs Kinder, von denen vier bereits im Kindesalter starben. The Poem wurde als Gedenkstätte für diese verstorbenen Kinder errichtet und später zur Familiengruft der Pochin- und McLaren-Familie. Heute befinden sich dort zahlreiche Gedenktafeln und Erinnerungsstücke an die Familienmitglieder. Betreten durfte man das kleine Gebäude allerdings nicht. 

Ebenfalls angetan hatte es Marilyn der Erdbeerbaum, der ebenfalls auf den Terrassen stand. Der Baum, botanisch "Arbutus unedo", fällt schon durch seine ungewöhnliche Erscheinung auf. Er ist immergrün, besitzt eine interessante, sich ablösende rotbraune Rinde und trägt kleine weiße, glockenförmige Blüten. Später entstehen daraus tatsächlich Früchte, die ein bisschen wie Erdbeeren aussehen – daher auch der Name. Die Früchte können in manchen Ländern sogar zu Marmelade oder Likör verarbeitet werden. 

Christoph mochte insbesondere die bemoosten Treppenaufgänge auf den Terrassen, die mit der Holzpalisade darüber einen ganz besonderen Flair versprühten. 

Aber auch die gigantischen, bis zu 150 Jahre alten Bäume, die an mehreren Stellen in dem Garten zu finden waren, beeindruckten uns beide sehr. 

Erwähnenswert waren auch die vielen Eichhörnchen, die wir am Plas Newydd vergebens suchten und hier in großer Vielzahl vorfanden. Benji kam aus dem Jagdfieber gar nicht mehr heraus und störte so zum Leid der anderen Besucher die Gartenidylle. Wir kamen trotz unserem kleinen Jäger glücklicherweise dennoch zu ein paar tollen Eichhörnchenbildern und Videos.

Bodnant ist gerade für seine außergewöhnlichen Baum- und Pflanzensammlungen bekannt. Neben riesigen Nadelbäumen findet man dort unter anderem Magnolien, Rhododendren und zahlreiche Pflanzen, die einst von britischen Pflanzenjägern aus Asien und anderen Teilen der Welt mitgebracht wurden.

--- Am Ende mussten wir unser erstes Urteil wohl ein wenig revidieren;
manchmal braucht Schönheit eben einen zweiten Blick ---

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