In Anglesey war es nachts zwar auch etwas kühler geworden als zuvor in den Bergen Snowdonias, dafür zeigte sich schon am Morgen, dass der Tag deutlich wärmer werden würde. Die Sonne stand am Himmel, und nach dem Frühstück war schnell klar: Das war der perfekte Tag für unsere geplante Radtour durch den Newborough Forest.
Der hübsche Wald lag nur wenige Minuten mit dem Rad von unserem Campingplatz entfernt. Zunächst mussten wir ein kurzes Stück am Rand einer ziemlich engen Straße entlangfahren, bevor wir den Waldeingang erreichten. Benji durfte natürlich erst einmal ganz normal neben uns herlaufen, deshalb mussten wir hier etwas aufpassen. Den Fahrradanhänger für Benji hatten wir vorsichtshalber natürlich wieder mit dabei.
Kaum, dass wir den Wald erreicht hatten, wurde das Fahren deutlich angenehmer. Die Straße war breiter, und obwohl auch hier Autos zum Parkplatz des Llanddwyn Beach fahren durften, konnten wir entspannt am Rand entlangradeln.
Der Newborough Forest ist allerdings kein uralter, wild gewachsener Wald. Die heute so charakteristischen Korsischen Kiefern wurden ab 1947 großflächig gepflanzt. Sie sollten zum einen Holz liefern, zum anderen aber vor allem die riesigen, vom Wind ständig in Bewegung gehaltenen Sanddünen von Newborough stabilisieren. Heute ist daraus eine ganz eigene Landschaft entstanden – Wald direkt hinter Dünen und Meer. Das Mittelmeerfeeling, das dadurch erzeugt wird, fanden wir richtig schön.
Je näher wir dem Llanddwyn Beach kamen, desto mehr veränderte sich die Landschaft. Der Wald wurde lichter, die Straße zunehmend sandiger, und zwischen den Bäumen tauchten die ersten Dünen auf. Dahinter kam schließlich der breite, helle Sandstrand zum Vorschein. Es wirkte fast ein bisschen als läge Wales am Mittelmeer. Kein Wunder, dass wir uns zwischendurch ein wenig auf unsere Reise nach Spanien oder Portugal zurück versetzt fühlten.
Der Eindruck täuscht dabei gar nicht völlig. Die Korsische Kiefer stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und fühlt sich zwischen Sand und Sonne natürlich ziemlich wohl.
Der Newborough Warren gehört zu den größten und bedeutendsten Dünensystemen Großbritanniens. Über Jahrtausende haben Wind und Meer hier Sand abgelagert und die Küstenlandschaft immer wieder verändert. Wald, Dünen, Salzwiesen, Strand und Meer liegen deshalb auf engstem Raum nebeneinander. Zusammen mit Llanddwyn Island wurde das Gebiet bereits 1955 als erstes Küsten-National Nature Reserve in Wales ausgewiesen.
Wir fuhren mit unseren Rädern so weit in Richtung Strand, wie es ging, und stellten kurz die Räder ab, um das tolle Strandpanorama zu genießen. Auch hier war man hundefreundlich und es gab einen für Hunde freigegebenen Strandabschnitt. Während wir die Atmosphäre auf uns wirken ließen, ging Benji in den Dünen seinem persönlichen Lieblingshobby nach. Wie immer interessierte ihn weniger der Strand, als das hohe Dünengras.
Nach einer Weile schwangen wir uns wieder auf die Räder und folgten den Waldwegen parallel zum Strand. Autos durften hier zum Glück nicht mehr fahren. Der Untergrund wurde abwechslungsreicher. Teilweise waren die Wege befestigt und wunderbar zu fahren, an anderen Stellen wurde es geschottert oder richtig sandig. Ein paar besonders tiefe Sandstellen verlangten uns schließlich doch einiges ab – beziehungsweise unseren Fahrrädern. Dort hieß es: absteigen und schieben (zumindest an den steilen Stellen).
Unser nächstes Ziel war Llanddwyn Island, eine kleine, der Küste vorgelagerte Landzunge, die eigentlich nur bei höheren Wasserständen wirklich zur Insel wird. Bei normaler Ebbe kann man trockenen Fußes hinüberlaufen. Bei höheren Fluten kann sie dagegen vom Festland abgeschnitten sein. Deshalb sollte man vor einem Besuch unbedingt die Gezeiten im Blick behalten.
Vor dem Übergang stellten wir unsere Fahrräder ab und schlossen sie sicherheitshalber an einem Pfosten an. Dass die Insel nur bei Ebbe erreichbar sein sollte, hatten wir vorher irgendwie nicht auf dem Schirm gehabt und lasen diese Info nun erst auf dem Schild, in dessen Nähe wir die Räder abstellten. Also schnell die Tidezeiten im Internet überprüft – Die Flut hatte gerade ihren Höchststand erreicht, die Ebbe hatte erst begonnen. Nun konnten wir nur hoffen, dass der Wasserpegel der Flut nicht allzu hoch war und wir dennoch passieren konnten. Zeit hatten wir, wenn wir erstmal auf der Insel waren, dann mehr als genug.
Wir gingen zu der Stelle, an der man normalerweise hinüberlaufen konnte. Dort erwartete uns allerdings keine dramatische Wasserbarriere, sondern lediglich ein kleines „Flüsschen“, das uns von der Insel trennte. Einige andere Besucher zogen kurzerhand ihre Schuhe aus und stapften hindurch.
Wir hingegen hatten heute keine Lust auf nasse Füße. Also warteten wir etwa 15 Minuten im Windschatten eines Felsens.. Und tatsächlich: Die paar Minuten machten einen erstaunlichen Unterschied. Das Wasser zog sich sichtbar zurück und der kleine Wasserlauf wurde immer schmaler. Schließlich war er nur noch so breit, dass wir trockenen Fußes hinüberspringen konnten.
Llanddwyn Island ist dabei nicht einfach nur eine hübsche Felseninsel. Der Ort ist eng mit der walisischen Geschichte und vor allem mit Santes Dwynwen, der walisischen Schutzheiligen der Liebenden, verbunden. Der Überlieferung nach lebte Dwynwen im Mittelalter auf der Insel als Einsiedlerin. Ihre Geschichte machte Llanddwyn zu einem wichtigen Wallfahrtsort, und der 25. Januar wird in Wales bis heute als Dydd Santes Dwynwen, also der Tag der heiligen Dwynwen, gefeiert – gewissermaßen das walisische Gegenstück zum Valentinstag.
Auf der Insel gibt es noch heute einiges davon zu entdecken. Da wären zunächst die romantisch wirkenden Ruinen der St-Dwynwen-Kirche. Die erhaltenen Bauteile stammen überwiegend aus dem frühen 16. Jahrhundert, die Kirche selbst steht allerdings in einer wesentlich älteren religiösen Tradition. Sie war mit dem Heiligtum der Dwynwen verbunden und zog einst Pilger an. In der Nähe befand sich außerdem eine heilige Quelle.
Um die Heilige rankt sich eine ebenso romantische wie traurige Legende: Dwynwen soll sich in einen Mann namens Maelon verliebt haben, doch die beiden konnten nicht zusammen sein. In ihrer Verzweiflung bat sie Gott darum, ihre unglückliche Liebe zu vergessen. Der Legende nach wurde ihr dieser Wunsch erfüllt – ebenso wie ihr Wunsch, niemals zu heiraten und stattdessen ihr Leben Gott zu widmen. Dwynwen zog sich daraufhin auf die abgelegene Insel zurück und lebte dort als Einsiedlerin. Später wurde sie zur walisischen Schutzheiligen der Liebenden.
Heute stehen nur noch die Mauern der kreuzförmig angelegten Kirche – dafür wirken sie an diesem abgelegenen Ort umso eindrucksvoller. Nicht weit davon entfernt steht ein großes keltisch anmutendes Kreuz, das an die heilige Dwynwen erinnert. Zusammen mit den Kirchenruinen, dem Meer und den grasbewachsenen Felsen ergibt sich hier eine ziemlich ungewöhnliche Mischung aus Natur und Geschichte.
Weiter draußen auf der Landzunge kamen wir schließlich zu den alten Leuchttürmen. Besonders auffällig ist der weiße Tŵr Mawr, dessen Name auf Walisisch schlicht „Großer Turm“ bedeutet. Die heute noch stehende Konstruktion geht auf einen frühen Leuchtturm- bzw. Seezeichenbau des 19. Jahrhunderts zurück. Das Licht markierte den Zugang zur Menai Strait (der Meerenge zwischen der Insel Anglesey und dem Festland) und war bis in die 1970er-Jahre in Betrieb. In der Nähe stehen außerdem die ehemaligen Häuser der Leuchtturmwärter und Lotsen. Dort lebten früher Menschen, die für die Schifffahrt rund um die Insel zuständig waren.
Wir umrundeten die kleine Insel schließlich komplett und waren am Ende bestimmt fast zwei Stunden dort. Besonders gut gefiel uns der von Muscheln übersäte Boden. Unter unseren Füßen knirschte es bei jedem Schritt, und an manchen Stellen war der Untergrund schon fast weiß von den vielen Muschelresten. Irgendwann würde daraus durch die ständige Zerkleinerung ein feiner, heller Muschelsand entstehen.
Am schönsten war für uns aber die äußerste Spitze der Insel, beim Leuchtturm. Dort standen wir direkt neben diesem und konnten das wilde Meer in der kleinen Bucht beobachten. Hinter uns die kleine historische Insel, vor uns das offene Meer und rundherum eigentlich nur Wind, Felsen und Wasser.
Irgendwann mussten wir uns trotzdem wieder losreißen. Zudem der Himmel in der Ferne auch schon wieder etwas dunkel wurde - es würde doch nicht schon wieder regnen wollen oder?
Also schnell zurück zu unseren Fahrrädern, und weiter ging es.
Benji rannte übrigens immer noch neben uns her und machte keinerlei Anstalten, müde zu werden. Unser weiterer Weg führte teilweise über den sogenannten Corsica Bike Trail durch den Wald. Die Route führt durch unterschiedliche Waldtypen – von älteren Kiefernbeständen bis hin zu feuchteren Bereichen mit anderen Baumarten.
Besonders interessant fanden wir eine Stelle, an der sich links von unserem Weg hauptsächlich Birken und rechts davon Nadelbäume ausbreiteten. Wir standen damit praktisch mitten in einem kleinen Übergangsbereich verschiedener Waldtypen. Genau solche Stellen machten die Radtour abwechslungsreicher, weil sich die Landschaft ständig ein wenig veränderte.
Auf dem letzten Abschnitt beschlossen wir, unsere geplante Route etwas abzukürzen. Wir wollten vermeiden, wieder auf die größere Straße zurück zu müssen, auf der wir zu Beginn mit Benji doch ziemlich aufpassen mussten. Unsere Abkürzung war allerdings eher Kategorie „kreative Routenplanung“.
Wir mussten dazu durch ein kleines Tor, das eigentlich eher für Fußgänger gedacht war und gelangten dahinter auf einen Weg durch ein Maisfeld. Der Fahrradanhänger passte gerade so hindurch. Ein kleines Stück dieser Abkürzung war wieder ziemlich sandig und so durften wir noch einmal unsere Räder durch die tieferen Stellen schieben. Christoph hatte jedoch das Glück, dass Benji ihn mitsamt Fahrrad den Sandberg nach oben zog und er dadurch komplett hochfahren konnte. Durch die Abkürzung sparten wir uns ein großes Stück der Straße und kamen fast direkt vor unserem Campingplatz heraus.
Nach insgesamt vier Stunden und rund 12 Kilometern auf dem Fahrrad waren wir zurück. Der Anhänger war zwar nicht zum Einsatz gekommen, da Benji wieder mal die gesamte Strecke gerannt war, dafür hatte er aber dankenswerterweise unser Gepäck transportiert. Der Regen blieb glücklicherweise, trotz dem zwischenzeitlich dunklen Himmels, bis auf ein paar Tropfen, aus. Anbei findet ihr noch den Komoot Track zur Radtour --> Link.
Am Abend schafften wir es dann endlich mal wieder, draußen zu essen. Die Sonne schien wunderbar auf unseren Essensplatz und nach den vielen Tagen mit Regen und Wolken fühlte sich das fast schon wie Urlaub im Urlaub an.
Später entdeckten wir noch etwas ziemlich Spannendes. Neben dem Campingplatz lag ein großes Feld, das man von einer kleinen Aussichtsplattform des Campingplatzes aus überblicken konnte. Von dieser konnte man abends wunderbar den Sonnenuntergang beobachten.
Nur hatten wir bisher nicht gewusst, was sich nachts auf diesem Feld abspielte. Als Christoph später zum Sanitärhaus ging, leuchtete er einmal mit der Taschenlampe über die Wiese. Und plötzlich starrten ihn von überall her Augen an. Hasen. Überall Hasen. Im Lichtkegel saßen und hoppelten gefühlt unzählig viele Hasen über das Feld. Und auf einmal ergab auch Benjis Verhalten der vergangenen Tage deutlich mehr Sinn. Wenn nachts eine solche Menge an Hasen über die umliegenden Wiesen und Felder unterwegs war, hinterließen sie natürlich auch entsprechend viele Geruchsspuren, die der Kleine jeden Tag wahrnahm. Kein Wunder also, dass der kleine Jäger nur noch seinen Trieben folgte...
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