Vom Regen in den Adel

Veröffentlicht am 19. September 2026 um 00:38

Nach einer komplett verregneten Nacht wachten wir am Llyn Ogwen auf – mitten in den Bergen von Eryri (Snowdonia). Und es regnete noch immer. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Wanderung. Aber laut Wetterbericht sollte der Spuk gegen Mittag vorbei sein. Also blieben wir optimistisch, frühstückten in aller Ruhe und machten uns wanderbereit.

Und tatsächlich: Nach einiger Zeit ließ der Regen nach.

Unser Plan war eine Wanderung rund um den See Llyn Idwal. Also fuhren wir zum Parkplatz am Besucherzentrum des Llyn Ogwen, wo der Wanderweg starten sollte. Dort angekommen folgte allerdings die erste kleine Ernüchterung: Der Parkplatz war kostenpflichtig. Unser vorheriger Parkplatz war dagegen kostenlos gewesen. Nun kann man natürlich einfach sagen: „Ach, komm, die paar Pfund …“

Oder man kann typisch deutsch sein und anfangen zu rechnen. Wir entschieden uns für Variante zwei.

Also wieder zurück zum kostenlosen Parkplatz und die zusätzlichen etwa 30 Minuten Fußweg in Kauf nehmen. An der Straße führte ein Gehweg entlang, sodass wir problemlos vom einen Parkplatz zum anderen laufen könnten. Was tut man nicht alles, um ein bisschen Geld zu sparen …

Noch wussten wir nicht, dass wir diese Entscheidung nachher bereuen würden. 

Am ursprünglichen Parkplatz angekommen, machten wir uns schließlich auf den Weg. Zu unserer Freude kam nach den ersten hundert Metern sogar die Sonne heraus und das genau in dem Moment, als wir einen kleinen Wasserfall am Wegesrand fotografierten.

Am Besucherzentrum begann schließlich der offizielle Wanderweg. Schon der Einstieg war ziemlich originell gestaltet: In große, schmale Steine waren Öffnungen eingelassen, durch die man jeweils einen bestimmten Berggipfel betrachten konnte. Der Name des entsprechenden Berges stand auf dem Stein, sodass man durch das „Fenster“ genau den bezeichneten Gipfel vor sich hatte. Eine wirklich clevere Idee – und etwas, das wir so bisher noch nicht gesehen hatten.

Durch ein hübsch geschmiedetes Eisentor ging es weiter. Dahinter erwartete uns direkt ein kräftig rauschender Wasserfall, den wir über eine kleine Holzbrücke überquerten. Sehr malerisch!

Der Weg führte anschließend über einen typischen steinigen Bergpfad in Richtung Llyn Idwal. Zu unserer Linken konnten wir den markanten Gipfel des Tryfan sehen. Den Berg hätte man sogar von unserem Parkplatz aus besteigen können. Allerdings ist der Aufstieg auf den Tryfan laut unserer Recherche sogar anspruchsvoller als der Aufstieg zum Snowdon. Den Weg über das zum größten Teil felsige Gelände muss man sich selbst suchen und je nach gewählter Route muss man teilweise sogar mit kompletter Ausrüstung klettern, wenn man bis zum Gipfel möchte. 

Während wir noch über die Berge staunten, hatte Benji allerdings ganz andere Interessen. Plötzlich bemerkten wir, dass etwas über den Weg huschte und Benji blitzschnell zupackte. Er hatte die Maus im Maul und diese zappelte hilflos. Christoph war gerade noch schnell genug mit einem energischen „Nein!“, sodass Benji die kleine Maus tatsächlich wieder fallen ließ, bevor etwas Schlimmeres passierte. Wir hatten der Kleinen gerade noch das Leben gerettet.

Wenn man bei unserem Kleinen einmal nicht aufpasste… Benji war sowieso völlig im Jagdmodus, seit wir wieder in England unterwegs waren. Die Gerüche hier schienen ihn extrem zu triggern. Inzwischen vermuten wir, dass die unzähligen Hasen dafür verantwortlich waren, die hier gefühlt überall herumhoppeln und deren Geruch entsprechend in der Landschaft verteilt ist.

Vielleicht war Benji in Portugal früher ja tatsächlich einmal ein kleiner Hasenjäger. Zumindest würde einiges dafür sprechen.

Schließlich erreichten wir den Llyn Idwal.

Dramatisch erhoben sich die Berge rund um den See und bildeten eine geradezu epische Szenerie. Genau für solche Landschaften waren wir schließlich nach Wales gekommen.

Wir begannen die Umrundung auf der linken Seite. Die Sonne hatte sich inzwischen allerdings wieder verabschiedet. Stattdessen pfiff immer wieder kalter Wind durch die Bergschneisen. Zum ersten Mal in diesem Urlaub froren wir während einer Wanderung. Und dann setzte natürlich auch noch der Nieselregen ein. Jetzt waren wir allerdings schon so weit gegangen, dass wir nicht mehr umdrehen wollten. Augen zu und durch!

Der Weg führte am hinteren Ende des Sees bergauf. Man hätte auch unten am Wasser entlanggehen und dadurch ein gutes Stück einfacher laufen können. Aber das wäre ja viel zu vernünftig gewesen. Also nahmen wir den oberen Weg.

Über Steinstufen ging es zunächst nach oben. Je weiter wir kamen, desto weniger Stufen und desto mehr Felsen waren es allerdings. Durch die Nässe waren diese ordentlich rutschig und wir mussten bei jedem Schritt gut aufpassen. Der Regen wurde stärker. Das hatte uns gerade noch gefehlt!

Regenjacken hatten wir natürlich an. Aber die Regenhosen lagen – sehr vorausschauend – im Auto.Laut Wetterbericht sollte es am Nachmittag schließlich definitiv keinen Regen mehr geben.

Als wir jetzt noch einmal in die Wetter-App schauten, stand dort weiterhin eindeutig Sonnenschein und gerade einmal 20 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Die Realität sah irgendwie anders aus.

Trotz des Wetters waren wir nicht die Einzigen unterwegs. Überall in der Landschaft sahen wir Menschen mit weißen Helmen und Warnwesten, die scheinbar planlos zwischen den Felsen verteilt waren.

Wie wir später feststellten, handelte es sich um eine Schulklasse, die hier offenbar eine Aufgabe zu bewältigen hatte. Während wir uns bereits Gedanken darüber machten, wie wir unsere nassen Hosen später wieder trocken bekommen sollten, standen die Jugendlichen teilweise völlig unbeeindruckt – zum Teil sogar ohne Regenkleidung – mit Schreibbrettern an Felsen oder liefen gemütlich über die Wanderwege.

Vielleicht waren sie einfach besser an das walisische Wetter gewöhnt.

Der Weg schien einfach kein Ende nehmen zu wollen.

Endlich oben angekommen, trafen wir erneut auf ein älteres englisches Paar, das uns schon unten auf dem Parkplatz begegnet war. Der Mann sprach uns an und fragte, ob wir ebenfalls noch ganz nach oben gehen würden. Er und seine Frau hatten eigentlich geplant, den nächsten Gipfel zu besteigen und anschließend von dort aus noch weiter zu einem anderen Berg zu laufen.

Wobei er aufgrund des Regens dann immerhin beschloss, nur noch den nächstgelegenen Gipfel mitzunehmen. Seine Begleiterin hatte sich derweil unter einem Felsen ins Trockene gesetzt und sah nicht gerade glücklich darüber aus, was ihr Mann offenbar noch alles vorhatte. Wir konnten sie irgendwie verstehen, denn wir hatten ebenfalls keinerlei Ambition, bei diesem Wetter irgendwelche Gipfel zu sammeln. Unser Plan war schließlich lediglich gewesen, gemütlich um den See zu laufen.

Er erzählte uns außerdem, dass wohl eine Wetterstation keine Daten weitergegeben habe und deshalb die heutige Wettervorhersage komplett verfälscht worden sei. Das erklärte tatsächlich einiges.

Inzwischen bereuten wir unsere Entscheidung für den oberen Weg ebenfalls. Hätten wir gewusst, dass die Wettervorhersage so komplett danebenliegen würde, wären wir unten am See entlanggelaufen. Oder hätten vermutlich sogar schon am Eingang zum See wieder umgedreht, solange es noch trocken war.

Aber nun waren wir hier. Benji schien sich ebenfalls zu fragen was wir hier eigentlich taten. 

Immerhin hatten wir von hier oben einen wunderschönen Blick auf den Llyn Idwal und in der Ferne sogar auf den Llyn Ogwen. Mit Sonnenschein wäre das mit Sicherheit ein sensationeller Ausblick gewesen. 

Der weitere Weg führte glücklicherweise wieder bergab – hatte es aber ordentlich in sich. Stellenweise ging der Weg sogar mitten im Wasserlauf nach unten. Inzwischen konnten wir nicht mehr normal laufen, sondern mussten größtenteils nach unten klettern. Mit den Händen als zusätzlichen Halt, fühlte es sich wenigstens etwas sicherer an. Tief waren die Stellen zwar nicht, aber durch die Nässe konnte man durchaus ausrutschen und sich verletzen. Immerhin wurde uns durch die körperliche Anstrengung wieder etwas wärmer.

Irgendwann erreichten wir endlich wieder einen richtigen Wanderweg, auf dem man tatsächlich normal gehen konnte. Durch das Wetter waren wir inzwischen allerdings viel zu sehr damit beschäftigt, nicht auszurutschen oder komplett durchzuweichen, um die Landschaft noch richtig genießen zu können. Ein paar Fotos mussten natürlich trotzdem sein. Und die waren es wert. Auch die Felsen, über die wir gerade noch hinuntergeklettert waren, sahen von unten betrachtet plötzlich gigantisch aus.

Der restliche Weg um den See herum war dann vergleichsweise unspektakulär. Schließlich erreichten wir wieder den Punkt, an dem wir nur noch denselben Weg am Tryfan vorbei zurück zum Besucherzentrum laufen mussten. Und genau hier kam unsere glorreiche Parkplatz Sparaktion wieder ins Spiel. Dadurch, dass wir hatten Geld sparen wollen, mussten wir jetzt zusätzliche 15 Minuten zurück durch den  strömendem Regen zurücklaufen.

Unsere Hosen waren inzwischen komplett durchnässt. Das Wasser lief über die Hosenbeine in die Socken und von dort direkt in die Schuhe. Da halfen auch wasserdichte Wanderschuhe nicht mehr.

Nass bis auf die Unterhose kamen wir schließlich am Bulli an. Bevor wir weiterfahren konnten, mussten wir uns erst einmal trockenlegen und aufwärmen. Der Gaskocher wurde angeworfen und wir wärmten uns bei einem heißen Tee auf.

Unser persönliches Fazit zur Wegführung: Wir würden die Runde eher entgegen dem Uhrzeigersinn laufen. Den steinigen Abschnitt wäre bergauf vermutlich deutlich angenehmer gewesen als bergab.


Als wir danach weiterzogen, geschah das kleine walisische Wetterwunder: Kaum hatten wir die Berge von Eryri hinter uns gelassen, hörte der Regen plötzlich auf. Die Welt wurde heller. Es war fast so, als hätte jemand hinter uns den Wasserhahn zugedreht. Snowdonia als Regenloch? Das Gerücht war hiermit von unserer Seite aus offiziell bestätigt.

Über die Menai Suspension Bridge fuhren wir hinüber nach Anglesey – eine Insel ganz im Nordwesten von Wales. Wir fanden einen Stellplatz direkt am Wasser. Von dort hatten wir sogar noch einen schönen Blick hinüber auf die Berge von Eryri. Dort allerdings schien der Regen weiterhin mit voller Begeisterung vom Himmel zu fallen. 

Am nächsten Morgen freuten wir uns über weiterhin trockenes Wetter und nutzten den Vormittag für etwas ganz anderes: Wir verbrachten Zeit am Steinstrand direkt vor unserem Stellplatz. Weit und breit gab es hier keine Menschen - genau so mochten wir es.

Danach stand etwas Kultur auf dem Programm. Und zwar nicht irgendeine Kultur, sondern englischer Adel mitten auf Anglesey. Unser Ziel war Plas Newydd, der Landsitz der Marquesses of Anglesey.

Das Herrenhaus liegt direkt am Menai Strait (die Meerenge zwischen der Insel Anglesey und dem Festland) und bietet einen beeindruckenden Blick hinüber zu den Bergen von Eryri. Die Geschichte des Hauses reicht bis zu älteren Tudor-Gebäuden zurück, seine heutige Gestalt entstand jedoch vor allem durch umfangreiche Umbauten im 18., 19. und 20. Jahrhundert.

Heute gehört Plas Newydd dem National Trust. Das Parken war erfreulicherweise kostenlos und bezahlen mussten wir lediglich den Eintritt von 14 Pfund pro Person, für das Herrenhaus und den weitläufigen Park. Und der hatte einiges zu bieten. Die Anlage war riesig und wunderbar gepflegt. Neben den akkurat geschnittenen englischen Rasenflächen gab es mächtige Bäume, Rhododendren und andere besondere Pflanzen, einen eigenen kleinen Wald mit Spazierwegen, ein Vogelbeobachtungshaus und sogar einen  Frisbee-Golf-Parcours.

Besonders beeindruckend fanden wir die großen Mammutbäume. Natürlich durfte Benji mit. Hunde waren im Park erlaubt und so nutzten wir die Gelegenheit erst einmal für eine ausgiebige Spazierrunde.

Nur eines fehlte: Eichhörnchen. Andere Besucher hatten vorher mehrfach davon geschwärmt, wie viele Eichhörnchen es auf dem Gelände gäbe. Wir sahen kein einziges.

Dafür traf Benji einen anderen Podenco. Und das war fast genauso gut. Die Besitzer freuten sich sichtlich darüber, einen weiteren Vertreter dieser in England eher seltenen Rasse zu treffen. Natürlich kam man sofort ins Gespräch und unterhielt sich eine Weile über die Hunde.

Nach unserer Runde durch den Park brachten wir Benji zurück ins Auto. Jetzt wollten wir endlich das Herrenhaus sehen.

Das Haus war ziemlich gut besucht. Wir lasen die Informationen, betrachteten die Ausstellungsstücke und blieben gefühlt doppelt so lange in jedem Raum wie alle anderen Besucher. Dadurch leerte sich das Haus nach und nach und irgendwann waren wir fast alleine unterwegs.

In den ersten Ausstellungsräumen wurde die Geschichte des Hauses und insbesondere die des 1. Marquess of Anglesey, Henry William Paget, erzählt.

Und dessen Lebensgeschichte ist ziemlich eng mit einer der bekanntesten Schlachten der europäischen Geschichte verbunden: Die Schlacht von Waterloo.

Paget war britischer Kavalleriekommandeur, befehligte die gesamte alliierte Kavallerie und trug 1815 in der Schlacht von Waterloo maßgeblich zum Sieg über Napoleon bei. Während der Schlacht wurde er schwer am rechten Bein verletzt und musste es noch auf dem Schlachtfeld amputieren lassen. Später wurde er zum Marquess of Anglesey erhoben.

Sein künstliches Bein ist heute eines der ungewöhnlichsten Ausstellungsstücke von Plas Newydd. Die sogenannte „Anglesey Leg“ war für ihre Zeit technisch bemerkenswert und besaß bewegliche Gelenke an Knie und Knöchel.

Daneben waren zahlreiche Gegenstände aus der militärischen Vergangenheit ausgestellt: Kleidung, Ausrüstung und Erinnerungsstücke aus der Zeit der Napoleonischen Kriege.

Besonders beeindruckend war ein riesiges Gemälde von Denis Dighton, das die Schlacht von Waterloo  zeigt. Auf der rechten Seite ist Henry William Paget, der spätere 1. Marquess of Anglesey, mit seinem Stab zu sehen. Auf der linken Seite befindet sich der Duke of Wellington mit seinem Stab.

Die Darstellung ist dabei nicht als exakte Momentaufnahme zu verstehen, sondern als künstlerische Darstellung dieser Begegnung.

Allein diese ersten Räume machten schon deutlich, dass Plas Newydd nicht einfach nur ein hübsches altes Herrenhaus ist. Hier steckt richtig viel Familien- und Militärgeschichte in den Wänden. 

Danach begann der eigentliche Rundgang durch die herrschaftlichen Wohnräume. Und hier wurde es richtig prunkvoll.

Die Räume im Erdgeschoss waren groß und repräsentativ, mit großen Sälen, hohen Decken, prächtigen Möbeln, funkelnden Kronleuchtern, Gemälden, aufwendigen Wanddekorationen und reich verziertem Stuck. Verschiedene Umbauphasen hatten ihre Spuren hinterlassen, sodass man hier mehrere Stile nebeneinander entdecken konnte.

Besonders auffällig waren die Gothik-Elemente, die Ende des 18. Jahrhunderts in das Haus integriert wurden. Statt eines durchgehend einheitlichen Stils findet man in Plas Newydd also eine Mischung aus älteren Gebäudeteilen, klassizistischen Formen und bewusst mittelalterlich wirkenden Elementen.

Besonders beeindruckend fanden wir die Eingangshalle mit ihrer riesigen Eingangstür und der Empore. Allerdings hingen dort zum Teil auch ziemlich makabre Bilder, die einen starken Kontrast zum ansonsten sehr eleganten Ambiente bildeten. 

Unser persönliches Highlight war aber eindeutig ein Raum, der später als Speisesaal genutzt wurde. Denn dort befindet sich ein riesiges Wandgemälde des britischen Künstlers Rex Whistler.

Das Bild entstand in den Jahren 1936 und 1937 und bedeckt eine komplette Wand des Raumes. Es ist ungefähr 17,5 Meter lang. Und es ist alles andere als ein gewöhnliches Landschaftsbild.

Eigentlich blickt man aus Plas Newydd hinaus auf den Menai Strait und die walisische Berglandschaft. Whistler machte daraus jedoch eine völlig andere Welt.

Vor uns breitete sich eine fantasievolle mediterrane Hafenlandschaft aus. Man sieht Wasser, Schiffe, eine Uferpromenade, Gebäude, Türme und Berge. Dabei vermischte der Künstler reale Architektur aus Großbritannien und Italien mit Elementen der Landschaft rund um Plas Newydd.

Unter anderem finden sich Anspielungen auf römische Architektur, London und Windsor.

Das Bild ist also eine Art riesige Collage aus verschiedenen Orten und Epochen – eine mediterrane Fantasiewelt mitten in Wales. Je länger man davorsteht, desto mehr entdeckt man. Und genau dafür braucht man Zeit.

Whistler versteckte nämlich auch zahlreiche persönliche Anspielungen und kleine Details in seinem Werk. Sogar ein Selbstporträt des Künstlers findet sich darin: Whistler stellte sich selbst als jungen Mann dar, der mit einem Besen Rosenblätter zusammenkehrt.

Wir fanden das Wandbild jedenfalls großartig. Auch die Decke war sehr aufwendig nach einem wiederkehrenden Muster gestaltet worden.

Auch das Arbeitszimmer war interessant - hatte hier doch der 7. Marquess noch bis 2013 gearbeitet. Lustigerweise fanden wir hier auch mehrere klassische CDs Deutscher Sänger und Komponisten. 

Im oberen Stockwerk änderte sich die Atmosphäre deutlich. Die Räume wurden kleiner, die Decken niedriger und statt großer repräsentativer Säle fanden sich hier vor allem Schlafzimmer und private Räume. Die Wände waren teilweise mit auffällig gemusterten Tapeten gestaltet und auf den Böden lagen Teppiche. Insgesamt wirkte die obere Etage deutlich wohnlicher und weniger repräsentativ.

Hier bekam man eher einen Eindruck davon, wie die Familie tatsächlich gelebt haben könnte.

Wobei wir zugeben müssen: Es müffelte hier oben doch ziemlich.

Nach den großen, beeindruckenden Räumen im Erdgeschoss fanden wir die obere Etage deshalb insgesamt weniger spannend.

Interessant waren allerdings die verschiedenen persönlichen Gegenstände, Möbel und historischen Einrichtungsdetails. Auch die ausgestellten Kleidungsstücke aus vergangenen Zeiten vermittelten einen guten Eindruck davon, wie sehr gesellschaftliche Anlässe, Mode und Repräsentation zum Leben der damaligen Oberschicht gehörten.

Ein besonders kurioses Kapitel der Familiengeschichte ist dabei Henry Cyril Paget, der 5. Marquess of Anglesey.

Er war alles andere als ein typischer, zurückhaltender Adeliger. Er liebte Theater, Kostüme und spektakuläre Auftritte, veranstaltete aufwendige Vorstellungen und trat selbst auf der Bühne auf.

Für kurze Zeit wurde Plas Newydd unter seiner Herrschaft sogar in „Anglesey Castle“ umbenannt.

Das extravagante Leben verschlang allerdings enorme Summen und endete schließlich in der Insolvenz. So unterschiedlich können die Bewohner eines einzigen Herrenhauses sein.

Unser Fazit fällt eindeutig aus: Der Besuch von Plas Newydd sich für uns allemal gelohnt!

Das Herrenhaus ist ziemlich groß und man kann wirklich viele Räume besichtigen. Wer sich Zeit nimmt kann locker eine gute Stunde oder mehr darin verbringen. Und auch ein Spaziergang durch die weitläufige Parkanlage ist richtig toll.


Den Tag ließen wir auf dem nahegelegenen Campingplatz Newborough Forest Holiday Park ausklingen. Dort hatten wir den perfekten Ausgangspunkt für das, was am nächsten Tag auf dem Programm stand:

Eine Radtour durch den Newborough Forest…

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