Unser persönlicher Hitchcock Thriller

Veröffentlicht am 16. September 2026 um 23:57

In Porthdinllaen auf der Llŷn Peninsula, Wales, schien es ein regnerischer Tag zu werden. Das versprachen zumindest die Wettervorhersagen und auch der Blick in den Himmel bestätigte diese Vermutung. Das junge Pärchen, das mit seinem etwas in die Jahre gekommenen VW Bus und seinem kleinen adoptierten Streuner gerade die Porthdinllaen Campsite verlassen wollte, musste seine Pläne durch das gewöhnliche englische Wetter etwas ändern.

Sie entschlossen sich, einen klassischen Tea Room zu besuchen, denn das ging schließlich auch bei diesem bescheidenen Umständen. 

Auf dem Weg zurück in Richtung Snowdonia ließ der Regen tatsächlich etwas nach. Erfreut beschlossen die beiden, bevor sie die Llŷn Peninsula endgültig verlassen wollten, noch das Tre’r Ceiri Hillfort zu besuchen, das fast direkt auf ihrem Weg lag. Dazu parkten sie in einer Parkbucht, die bei Google Maps als Parkplatz des Hillforts gekennzeichnet war.

Der Hügel, auf dem das Hillfort erbaut worden war, sollte laut ihrer Recherche nur etwa 30 Minuten vom Parkplatz entfernt liegen. Ein offizieller Eingang über ein schmiedeeisernes Tor, das beim Hindurchgehen laut ächzte, führte zu einem kleinen Trampelpfad, der sich über den nassen Boden bergauf schlängelte. Sie folgten sie gespannt dem Weg.

Der Pfad wurde kleiner und kleiner. Irgendwann verloren sie ihn. Doch statt umzudrehen, trafen sie eine folgenschwere Entscheidung: Sie gingen einfach weiter und suchten sich ihren eigenen Weg in Richtung der Mauern des Hillforts, die sie bereits in der Ferne sehen konnten.

Das Ziel selbst war schließlich durchaus sehenswert. Tre’r Ceiri ist ein eisenzeitliches Hillfort auf einem der Gipfel des Yr Eifl und gehört zu den am besten erhaltenen und dichtest besiedelten Anlagen dieser Art in Großbritannien. Innerhalb der gewaltigen Steinmauern befinden sich die Überreste von mehr als 150 ehemaligen Häusern. Die Mauern sind teilweise noch mehrere Meter hoch erhalten.

Das Problem war nur: All das wussten die beiden zu diesem Zeitpunkt zwar theoretisch – sie hatten aber keine Ahnung, wie sie dort überhaupt hinkommen sollten.

Denn nichts ist so unberechenbar wie eine wilde, unwegsame walisische Landschaft. Stachelige Ginsterbüsche, Heidekraut, Farn, Steine – dauernd wurde der Weg von irgendetwas versperrt und man wusste irgendwann überhaupt nicht mehr, wohin man seinen Fuß setzen sollte. Was auf Google Maps und Komoot noch nach einem gemütlichen kleinen Spaziergang aussah, entwickelte sich in der Realität zu einem Hindernislauf.

Der kleine Hund hatte auf einmal ebenfalls keinen Spaß mehr an der Wanderung. Wo er sonst erfreut an jedem Strauch schnüffelte und permanent mit dem Schwanz wedelte, weil irgendwo ja vielleicht eine kleine Maus versteckt sein könnte, lief er jetzt nur noch geknickt hinter seinen Menschen her.

Irgendwann gab es schlicht kein Vorankommen mehr. Es wollte sich einfach kein richtiger Wanderpfad mehr auftun.

Auch die moderne Technik konnte den beiden nicht helfen. Laut Komoot sollte sich ungefähr 200 Meter links von ihnen ein Wanderpfad befinden. Durch die Hindernisse vor ihnen schafften sie es allerdings nicht, auf diesen Weg zu gelangen.

Die Frau war mittlerweile ziemlich verzweifelt und bat ihren Mann, einfach den Weg zurückzugehen, den sie gekommen waren. Passend zur Situation setzte nun auch wieder der Regen ein. Zusätzlich zog auch noch Nebel auf und die Sicht in die Ferne wurde etwas schlechter.

Aber auch die Suche nach dem Rückweg war ein Graus. Sie fanden den eigens erkundeten Weg nicht mehr, über den sie gekommen waren.

Also liefen sie längere Zeit von einer Stelle zur anderen, nur um immer wieder festzustellen, dass es kein Weiterkommen gab. Jeder Weg schien irgendwo im Gestrüpp, zwischen Steinen oder den stachelnden Ginsterbüschen zu enden.

Plötzlich hielt der Mann inne und lauschte. In der Ferne nahm er ein Alarmgeräusch wahr. Er erkannte es sofort: Das war die Alarmanlage des VW Busses. Die Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er seiner Frau davon berichtete. Beide hofften, dass lediglich der Wind den Schocksensor ausgelöst hatte.

Mit dem eisernen Willen, so schnell wie möglich zum Auto zurückzukommen, beschloss der Mann, dass sie sich jetzt einfach durch sämtliche Hindernisse zu der Mauer durchkämpfen würden, die sie zu ihrer Rechten sahen. Dort erspähten sie nämlich einen Pfad im Gras, der gut begehbar aussah und möglicherweise zum Auto zurückführte. Auch wenn das zunächst bedeutete in die andere Richtung zu laufen, sollte dieser Weg weniger beschwerlich sein. Hauptsache sie kamen dort irgendwie an.

Gesagt, getan. Der Mann nahm seinen kleinen Hund auf den Arm und ging Richtung Mauer. Die Frau folgte ihm ängstlich. Dem Hund hingegen schien das Ganze sichtlich zu gefallen. Endlich wurde er getragen und musste sich nicht mehr durch das Gestrüpp kämpfen. Sie stiegen einfach über Steine, Stachelbüsche und Farn und bahnten sich so ihren eigenen Weg. Ohne ihre Regenhosen hätte das an der ein oder anderen Stelle vermutlich ordentlich an den Beinen gezwickt.

Plötzlich stieß die Frau einen Schrei aus. Der Mann schnellte herum und sah sie mit dem Gleichgewicht wringen. Sie schafft es allerdings gerade so auf den Beinen zu bleiben. Ursache war ein Stein gewesen, von dem sie abgerutscht war. Zum Glück war nichts passiert und sie konnte weiterlaufen.

Einige Zeit später erreichten sie tatsächlich den Grasweg. Sie hatten die überwucherten Stellen endlich hinter sich gelassen und konnten wieder ganz normal laufen. Und tatsächlich führte der Weg zurück zum Ausgangspunkt.

Die Alarmanlage schrillte erneut los, kaum dass sie am Gatter zum Parkplatz angekommen waren. Blitzschnell rannten sie die letzten Meter zum Auto. Alles war verlassen. Nur das schrille Geräusch der Alarmanlage zerbarst die Stille. Der Mann schloss den VW Bus auf und riss die Tür auf.

Niemand war da. Erleichtert atmeten beide auf.

In dieser guten Stunde hatten sie zwar das Hillfort nicht besucht, waren dafür aber wohlbehalten wieder am Auto angekommen. Und genau das war in diesem Moment alles, was zählte.

Bevor sie weiterfuhren, wechselten sie noch ihre nassen Sachen, denn ihre Schuhe waren am Ende komplett durchweicht.

Nichts konnte sie jetzt noch auf der Llŷn Peninsula halten und so fuhren sie schnurstracks zum Tea Room, um sich dort eine süße Auszeit der englischen Art zu gönnen. Schließlich machten sie Urlaub in Wales und wollten diesen ja auch ein wenig genießen.

Etwa 20 Minuten vor dem Ziel wurden die Straßen wieder enger – die bekannten englischen Single Tracks.

Der Mann fuhr ziemlich gut Auto und war die Straßen hier zum Glück inzwischen gewohnt. Deshalb lenkte er den VW Bus auch gelassen den schmalen Track entlang.

Langsam begann die Umgebung vom Nebel verschluckt zu werden. Die beiden hofften, dass er nicht noch dichter werden würde.

Dann kam ihnen plötzlich etwas Großes entgegen. Ein Traktor!

Der Nebel war zum Glück noch nicht so dicht, sodass beide Fahrer sich rechtzeitig sehen und anhalten konnten. Ein kleiner Schockmoment!

Der Mann presste den VW Bus so gut es ging auf die linke Seite eines Passing Place und fragte sich, wie der Traktor hier eigentlich vorbeikommen sollte.

Der Fahrer des Traktors war allerdings völlig relaxt und zeigte nur den Daumen nach oben, während er langsam mit nur wenigen Zentimetern Abstand am Fahrzeug der beiden vorbeifuhr. Das schien hier eindeutig zum Daily Business zu gehören.

Die beiden fuhren langsam weiter, immer den Berg hinauf und leider auch immer tiefer in den dichter werdenden Nebel hinein.

Auf dem weiteren Weg in einer Kurve, gab es nochmal einen kurzen Schockmoment - ein Auto kam recht schnell um eine Kurve geschossen. Wäre die Stelle nur etwas enger gewesen, hätte das schiefgehen können. Dieses Mal war genug Platz, so dass beide Fahrzeuge problemlos aneinander vorbeipassten. 

Dann huschte etwas über die Straße. Der Mann sah es rechtzeitig und bremste. Tatsächlich war es ein kleiner Fuchs, der sich hier durch den Nebel schlich. Kurze Zeit rannte er vor dem VW Bus auf der Straße her, da er durch die Mauern rechts und links nicht flüchten konnte – wie ein gejagtes Tier –, bis er schließlich eine Möglichkeit fand, durch ein Eisengatter zu entwischen.

Die Frau versuchte ihn noch zu filmen, jedoch war der Nebel so dicht, dass man ihn auf dem Video nicht sah.

Der Weg zum Tea Room wollte einfach nicht enden. Der Albtraum zog sich weiter in die Länge.

Dann erschien zur Rechten plötzlich ein großer Schatten im Nebel. Ein Schild am Eingang verriet, dass es sich bei der gruseligen Ruine, die sich vor ihnen auftürmte, um eine Slate Mill – eine alte Schiefermühle - handelte. Man konnte diese kostenfrei besichtigen. Die beiden fragten sich allerdings, wie man dort überhaupt anhalten sollte. Parkplätze gab es auf diesem engen Weg schließlich keine (nur ein Passing Place in der Nähe). Und ehrlich gesagt gruselte es die beiden auch ein wenig bei dem Gedanken, durch den dichten Nebel und die völlige Einsamkeit dieser Gegend zu einer alten Schiefermühle hoch zu laufen.

Man kannte schließlich die Geschichten darüber, was im Nebel alles passieren konnte - Also lieber weiterfahren...

Sie bahnten sich ihren Weg weiter durch den Nebel und endlich kamen sie an ihrem Ziel an: Dem Tyddyn Mawr Tea Room.

Das Haus lag vollständig im Nebel und einige Autos parkten davor. Dass hier so viel los sein würde, hatten die beiden nicht erwartet. Wer fuhr schließlich freiwillig bei diesem Nebel solche schmalen Straßen den Berg hinauf? Offensichtlich unsere Protagonisten dieses Kurzthrillers.

Da der kleine Parkplatz vor dem Haus voll war, beschloss der Mann, vor einem Baum am Straßenrand zu parken. Beim Manövrieren kam er etwas auf das Gras, woraufhin plötzlich die Reifen durchdrehten. Da der Bus am Berg stand, rollte er ein Stück nach hinten. Der Mann beschloss, so stehen bleiben zu können, da er seiner Meinung nach weit genug von der Straße entfernt war.

Die Frau bemerkte allerdings zuerst, dass er so dicht am Baum stand, dass die hintere Schiebetür nicht mehr geöffnet werden konnte. Und sie fragte sich außerdem, wie sie später wieder den Berg hinaufkommen sollten, wenn der VW Bus auf dem nassen Gras keinen Grip hatte.

Wollte dieser Albtraum denn nie aufhören?

Der Mann beruhigte sie und versicherte ihr, dass er später sicherlich ganz einfach wieder den Berg hinaufkommen würde. Also kehrten sie erst einmal in den Tea Room ein.

Kaum eingetreten, standen sie plötzlich mitten in einem privaten britischen Landhaus der 90er-Jahre. Zur Linken befand sich eine kleine Küche, in der die Besitzerin, eine ältere Dame namens Kath, zusammen mit ihrer Küchenhilfe, die köstlichen Speisen alle selbst zubereitete.

Sie begrüßte ihre Gäste herzlich und bat sie, auf der rechten Seite im "Wohnzimmer" Platz zu nehmen. Dieses war vollgestopft mit Souvenirs, Büchern, Bildern und allerlei Dekoration. Die alten Möbel, zu denen auch ein altes Sofa und ein Couchtisch gehörten, verstärkten das Gefühl, privat bei jemandem zu Hause zur Tea Time eingeladen worden zu sein. Seltsam war auch die auf das Sofa gerichtete Kamera, die zur linken vor dem Kamin stand und nicht recht ins Bild passen wollte.

Außer dem Paar befanden sich noch zwei walisische Männer im Raum. Die beiden begrüßten kurz den kleinen Hund, der es ihnen offenbar sofort angetan hatte, und verabschiedeten sich dann wieder.

Nun waren die beiden die einzigen Gäste. Nur wem gehörten eigentlich die ganzen Autos vor der Tür? Das machte sie dann doch etwas stutzig. Man kannte schließlich die Horrorfilme, in denen die Gäste herzlich begrüßt wurden, anschließend gemütlich schlemmten und den Ort am Ende nie wieder verließen...

Diesen Gedanken schoben die beiden dann doch lieber schnell zur Seite und genossen erst einmal ihre Sandwiches und den bestellten Welsh Cream Tea.

Sehr gerne hätten sie einen richtigen Afternoon Tea genossen. Dieser wird meist etwas aufwendiger serviert, häufig auf einer Etagere, mit verschieden belegten Sandwiches, Scones mit Marmelade und Clotted Cream, verschiedenen Kuchenstückchen, Bara Brith (walisisches Früchtebrot) und natürlich reichlich schwarzem Tee. Dieses aufwendige Arrangement gab es hier allerdings nur auf Vorbestellung. Also mussten Sandwiches und Cream Tea reichen. Und das war nun wirklich kein schlechter Ersatz. Die Fruit Scones mit Rosinen oder Kirschen waren noch warm und besonders lecker.

Nach der sehr guten Tea Time kamen die beiden noch ein wenig mit ihrer Gastgeberin ins Gespräch, die sie in einen kleinen Small Talk verwickelte. Dann zahlten sie und machten sich wieder auf den Weg.

Niemand hielt sie dabei auf. Nicht, dass die beiden das tatsächlich erwartet hätten...

Jetzt musste nur noch das Problem mit dem Ausparken gelöst werden. Der Mann stieg ein, während die Frau draußen wartete und das Geschehen skeptisch beobachtete.

Tatsächlich fuhr er einmal an – und kam mit viel Schwung ohne durchdrehende Reifen vom Gras herunter. Der VW Bus hatte wieder Grip!

Er fuhr die Kuppe hinauf, sodass die Frau und ihr kleiner Hund wieder einsteigen konnten. Inzwischen kam dicker Platschregen vom Himmel herunter.

Da die Straße in einer Sackgasse endete und der Tea Room um 17 Uhr schloss, kam ihnen auf der Fahrt nach unten glücklicherweise kein Auto mehr entgegen. Der Rückweg war dadurch deutlich entspannter. Kaum hatten sie den Berg verlassen, lichtete sich auch der Nebel wieder.

Erleichtert darüber, dieses Abenteuer mit einer tollen englischen Tea Time beendet zu haben, setzten die beiden ihre Reise in das Bergdorf Beddgelert fort, mit dem Plan dort ihre anstehenden Geburtstage zu feiern.


Kleines Nachwort zu diesem Blogeintrag

Inspiriert von Marilyns Vater, der die Videos von den nebligen Single Tracks auf dem Weg zum Tyddyn Mawr Tea Room mit den Worten „Das ist ja wie in einem Hitchcock-Thriller!“ kommentierte, beschlossen wir, diesen Blogeintrag einmal etwas anders zu gestalten und tatsächlich einen kleinen Thriller aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers für euch zu schreiben.

Die darin geschilderten Tatsachen entsprechen alle der Realität und wurden nur an der ein oder anderen Stelle etwas dramatisiert. Natürlich hatten wir zu keiner Zeit wirklich Angst, dass wir den Rückweg vom Hillfort zum Auto nicht finden oder den Tea Room nicht mehr verlassen würden. Dennoch waren wir sowohl bei der Suche nach dem Rückweg als auch bei der nebligen Auffahrt zum Tea Room durchaus etwas nervös.

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