Als Nächstes gönnten wir uns einen Pausetag – zumindest wenn man das bei uns so nennen kann. Um uns von den Wanderungen der Vortage zu erholen, hatten wir eigentlich nur den Besuch im Castell y Bere auf dem Plan stehen – unserem ersten Spot in Snowdonia.
Wir fuhren etwa eine Stunde dorthin und merkten schon unterwegs, dass die Landschaft nach und nach bergiger wurde. Denn im Gegensatz zu den eher sanften Preseli Hills ist Snowdonia – auch Eryri National Park genannt – tatsächlich eine richtige Gebirgslandschaft. Ganz leicht wurden wir bei der Einfahrt in die Täler Snowdonias an das Glencoe-Tal in Schottland erinnert.
Über die inzwischen gewohnten Singletracks fuhren wir zum Parkplatz des Castell y Bere. Die Ruine, die man kostenlos besuchen kann, galten unseren Recherchen zufolge als Geheimtipp. Als wir ankamen, war tatsächlich noch niemand da.
Da wir an unserem Hafenstellplatz in Aberystwyth bereits ab 8 Uhr morgens hätten bezahlen müssen, hatten wir uns früh auf den Weg gemacht. Also nutzten wir die Ruhe erst einmal für ein gemütliches Frühstück, bevor wir uns die Ruine anschauen wollten. Als wir damit fertig waren, hatten sich doch noch ein paar wenige weitere Besucher hierher verirrt. Ein paar davon sollten unseren weiteren Tag noch maßgeblich beeinflussen.
Ein VW-Bus fiel uns besonders auf, denn auf dessen Armaturenbrett stand eine ganze Sammlung an Figuren und Erinnerungsstücken aus ganz Europa. Christoph sah das etwa gleichaltrige Pärchen noch aussteigen und zur Burg gehen. Wir folgten einige Zeit darauf ihrem Beispiel. Eine tolle Berglandschaft umgab uns. Der kurze Weg zur Ruine führte durch den Wald und schon bald ragten die alten Mauern vor uns auf.
Castell y Bere wurde ab 1221 von Llywelyn dem Großen, dem Fürsten von Gwynedd, errichtet. Die Burg lag strategisch günstig im Dysynni-Tal und sollte unter anderem die südliche Grenze seines Herrschaftsgebiets schützen. Später wurde sie von König Edward I. übernommen und erweitert, bevor sie 1294 während eines Aufstands gegen die englische Herrschaft aufgegeben wurde.
Eine Brücke führte ins „Innere“ der Burg. Tatsächlich war der Eingang von Castell y Bere für eine walisische Burg des 13. Jahrhunderts erstaunlich aufwendig gestaltet gewesen: Zwei Torhäuser mit eigenen Zugbrücken und vermutlich sogar Fallgittern sicherten seiner Zeit den Zugang. Jetzt führte nur noch eine einfache Holzbrücke über den Burggraben.
Als wir die Brücke passierten, kam uns plötzlich das Paar aus dem VW-Bus entgegen. Chris sprach sie auf ihre tolle Sammlung an und so kamen wir ins Gespräch. Die beiden Engländer waren ebenfalls im Urlaub unterwegs und offensichtlich schon ziemlich weit herumgekommen, u.a. auch in Deutschland. Dort erwähnten sie vorrangig den Schwarzwald, der ihnen sehr gefallen hatte. Auch die Gegend aus der wir herkommen war ihnen zumindest weitläufig bekannt. Wir verabschiedeten uns von ihnen und setzten unseren Rundgang fort.
Hinter der Brücke konnte man durch die ehemaligen "Räume", "Höfe" und "Türme" gehen und sich dabei zumindest ansatzweise vorstellen, wie die Burg hier oben einst ausgesehen haben musste. Einige Informationstafeln erzählten mehr über ihre Geschichte.
Ein Paar mit einem älteren Hund – einem Leicester – kam ebenfalls in die Ruine und Benji durfte einmal Hallo sagen. Interessanterweise ging er dabei sofort in Spielstellung, bellte den Hund an und forderte ihn zum Spielen auf. Wie ein kleiner Welpe flitzte er um den alten Herrn, der sogar Teile des Weges hier hoch getragen werden musste, herum, um ihn zum Mitmachen zu animieren. Der Hund war immerhin schon 14 Jahre alt und konnte mit Benjis überschäumender Freude nicht mehr ganz so viel anfangen. Er sah dem Kleinen einfach seelenruhig dabei zu. Dieses Verhalten war für Benji eher ungewöhnlich – normalerweise interessierte er sich für fremde Hunde deutlich weniger.
Nachdem wir die Umgebung noch ein wenig auf uns hatten wirken lassen, machten wir uns wieder auf den Weg zum Auto.
Auf der Weiterfahrt durch das Tal, immer Richtung Meer, entdeckten wir plötzlich auf Google Maps die Dolgoch Falls (Wasserfälle), die ziemlich genau auf unserer Route lagen. Da es noch früh am Tag war und wir genügend Zeit hatten, beschlossen wir kurzerhand, einen Abstecher zu machen. Es sollte laut den Google Kommentaren auch nicht lange dauern, deshalb sollte es dem "Pausetag" nicht im Wege stehen.
Der Parkautomat dort war der erste, der ausschließlich Bargeld nahm. Und natürlich besaßen wir immer noch keines, da wir es bislang nicht gebraucht hatten. In England wurde schließlich fast alles mit der Karte bezahlt.
Eine kleine Gruppe deutscher Touristen sprach uns an und fragte uns nach Bargeld, da sie genau das gleiche Problem hatten. Leider konnten wir uns gegenseitig nicht helfen. Also beschlossen wir, einen Zettel ins Auto zu legen. Vielleicht würden die Parkplatzbetreiber ja Gnade mit uns haben.
Dann zogen wir los zum Wasserfall. Der Weg führte zunächst am Fluss entlang und schon bald kamen wir unter einer Eisenbahnbrücke hindurch. Die Talyllyn Railway ist eine historische Schmalspurbahn, die ursprünglich dem Transport von Schiefer aus dem Bryneglwys-Steinbruch nach Tywyn diente. 1866 begann hier bereits der Personenverkehr. Heute gilt die Talyllyn Railway als erste Museumsbahn der Welt, die als solche erhalten und betrieben wird. Und genau diese Bahn fährt mitten durch die Landschaft an den Dolgoch Falls vorbei. Mit etwas Glück kann man hier also nicht nur Wasserfälle sehen, sondern auch einen historischen Dampfzug.
Und wir hatten Glück. Just in dem Moment, als wir die Brücke erreichten, hörten wir plötzlich das vertraute Geräusch einer Dampflok. Und tatsächlich: Einen Augenblick später kam der Zug über die Brücke gefahren! Wir standen genau richtig und konnten das Spektakel beobachten.
Die Talyllyn Railway besitzt heute mehrere historische Dampf- und Diesellokomotiven. Insgesamt sind sechs Dampflokomotiven und vier Dieselloks im Bestand, wobei die Dieselloks hauptsächlich für Arbeitszüge eingesetzt werden. Die beiden ältesten Dampflokomotiven „Talyllyn“ und „Dolgoch“ stammen sogar aus den 1860er-Jahren. Die historischen Wagen machen das Erlebnis zusätzlich besonders – viele stammen tatsächlich aus der Anfangszeit der Bahn oder wurden nach historischen Vorbildern gebaut.
Für uns war der Zug jedenfalls ein echter Glückstreffer. Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet, ihn zu sehen – und dann fuhr er ausgerechnet in dem Moment über die Brücke, als wir dort standen.
Direkt nach der Brücke erreichten wir schon den Wasserfall. Anmutig fiel dieser über die Felsen nach unten. Direkt daneben befand sich der Eingang zu einer Höhle vorbei. Mit den Taschenlampen unserer Handys gingen wir hinein. Tatsächlich führte die Höhle überraschend weit in den Fels hinein und wurde am anderen Ende wieder heller, da von oben Licht hereinfiel. Allerdings war dort Schluss und wir mussten denselben Weg wieder zurückgehen. Die Höhlen und Tunnel entlang des Weges sind tatsächlich eine Besonderheit der Dolgoch Falls und stehen in Zusammenhang mit dem früheren Bergbau in der Gegend.
Wieder draußen entdeckten wir Steintreppen, die auf einen Weg oberhalb des Wasserfalls führten. Von dort konnte man die Fälle noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten. Es schien ein Rundweg zu sein, der auf der anderen Seite wieder hinunterführte.
Oben angekommen, trafen wir tatsächlich wieder das englische Pärchen aus dem VW-Bus vom Castell y Bere! Die beiden erkannten uns ebenfalls und empfahlen uns sofort, noch weiter zu den oberen Wasserfällen zu gehen. Die seien noch einmal schöner. Wir wussten bis dahin nicht einmal, dass es noch weitere Wasserfälle gab. Zwar hatten wir weder einen Rucksack, etwas zu trinken oder Regenjacken mit dabei - folgten aber dennoch ihrem Rat. Schließlich waren wir jetzt schon mal da... statt dem Weg über dem Wasserfall zu nehmen, folgten wir dem Waldweg weiter nach hinten – immer am Fluss entlang. Die - Menschenmassen verloren sich langsam und es wurde zunehmend ruhiger - bis wir schließlich ganz alleine waren.
Bevor wir den oberen Wasserfall erreichten, kamen wir noch an einigen kleineren Wasserfällen und Kaskaden vorbei. Je weiter wir gingen, desto mehr wurde uns bewusst, wie wunderschön diese Landschaft hier eigentlich war. Das war für uns das Waterfall Country des Nordens von Wales! Und ganz ehrlich: Deutlich schöner als die Version im Süden.
An einem Baumstamm entdeckten wir außerdem Münzen, die in das Holz geschlagen wurden. Diesen Brauch kannten wir bereits von unserer Europareise aus Schottland. Details dazu findet ihr hier → Link
Als wir schließlich ganz oben ankamen, eröffnete sich vor uns die ganze Schönheit des oberen Wasserfalls. Wir setzten uns eine Weile hin und lauschten einfach den Geräuschen des Wassers und der Natur. Kein Lärm - Keine Menschen - Nur wir, Benji und das Wasser.
Voller Euphorie beschlossen wir nach diesem Innehalten, den Weg nicht eins zu eins zurückzugehen, sondern mit Komoot nach einer anderen Route zurück zum Ausgangspunkt zu suchen. Tatsächlich fanden wir einen Pfad, der auf der anderen Seite des Flusses zurückführen sollte. Der Weg wirkte nicht besonders häufig begangen, war aber zumindest nicht zugewachsen. Durch die lichter werdenden Bäume eröffneten sich immer wieder tolle Ausblicke. Unter einem großen Baum hindurch und hinter alten Steinmauern entlang folgten wir dem Pfad, bis er langsam wieder bergab führte. Schließlich kamen wir wieder am unteren Wasserfall heraus – und zwar genau an der Stelle, an der uns der Engländer zuvor angesprochen und uns den oberen Wasserfall empfohlen hatte. Der gesamte Loop hatte uns am Ende doch etwa 1,5 Stunden und rund 2,7 Kilometer gekostet. Aber das war er definitiv wert!
Auf dem Rückweg zum Parkplatz kamen wir noch an einem kleinen Café - den Dolgoch Tea Rooms vorbei, in das wir schließlich spontan einkehrten. Das Internet hatte mit einem guten Welsh Cream Tea geworben – und da konnten wir natürlich nicht einfach vorbeigehen. Das Café schloss um 15 Uhr und wir hatten bereits kurz vor drei. Netterweise nahm der Besitzer unsere Bestellung trotzdem noch an und ließ uns im Außenbereich sitzen.
Der Welsh Cream Tea besteht aus schwarzem Tee, einem Fruit Scone, einem Stück Bara Brith – einer Art walisischem Früchtebrot, bei dem die Trockenfrüchte traditionell in Tee eingeweicht werden – sowie Marmelade, Clotted Cream und Butter (für das Früchtebrot). Und auch hier hatten wir mal wieder Glück: Die letzten beiden Scones aus der Auslage waren unsere. Nach so einem Tag durfte das natürlich nicht anders sein.
Und auch bei der Rückkehr zum Auto hatten wir ein letztes Mal Glück: Kein Strafzettel!
Bei so viel Glück an einem einzigen Tag musste man sich allerdings langsam fragen, ob das Glück nicht irgendwann aufgebraucht war …
Zum Abschluss des Tages fuhren wir den Cae Du Campsite direkt am Meer im Südwesten von Snowdonia an. Wir mussten dringend Wäsche waschen und dort sollte es eine Waschmaschine und einen Trockner geben. Der Farmer checkte die Camper direkt vor seinem Privathaus ein und schickte sie anschließend den Berg hinunter durch einen Eisenbahntunnel zu mehrere Wiesenflächen direkt am Meer. Man hatte dort freie Platzwahl. Ein privater Steinstrand lag unmittelbar vor den Wiesen. Wäre dieser andauernde, kühle Wind nicht gewesen, wäre das ein richtig tolles Fleckchen zum länger Draußen sitzen und aufs Meer schauen. Man durfte sogar Feuer machen, nur war das für uns aufgrund des starken Windes an diesem Abend leider nicht möglich. So schauten wir uns zumindest noch den Sonnenuntergang draußen an, bevor wir uns schließlich nach drinnen ins Warme verzogen.
Für einen Pausetag hatten wir damit eigentlich wieder erstaunlich viel erlebt. Die Begegnung mit den Engländern am Morgen hatte uns dann durch Zufall an einen wundervollen Ort geführt und unseren Tag maßgeblich bereichert.
Wie wir im letzten Blog schon mal erwähnten - alles im Leben hat seinen Sinn und ist vielleicht schon vorherbestimmt. Manchmal muss man die Chance, die sich einem bietet, einfach nur ergreifen...
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