Ein guter Beobachter konnte in unserem letzten Blog erkennen, dass wir eine interessante Unterkonstruktion für den Bulli bauen mussten. Das lag offenkundig am stark abfallenden Campingplatz, aber auch daran, dass uns unsere Auffahrkeile abhandengekommen waren. Da mussten wir doch etwas erfinderisch werden. Die Konstruktion hielt erstaunlich gut, auch wenn man bedenkt, dass es in der Nacht ziemlich windig war und der Bulli stark durchgeschüttelt wurde.
Der Campingplatz hatte eine super Lage, um den naheliegenden St. Davids Head sowie den Whitesands Beach zu erkunden. Genau das taten wir dann auch nach dem Frühstück.
Bei St. Davids Head handelt es sich um eine felsige Landzunge, die weit ins Meer hineinragt. Direkt vorne am Strand, an dem schon einige Surfer zugange waren, führte rechts ein hübscher Küstenwanderweg hinauf auf die Klippen. An einigen Stellen bestand durch weggebrochene Felsstücke Absturzgefahr und so wurde ein zweiter Wanderweg rechts daneben hinter einem Zaun angeboten. Umso näher wir dem Head kamen, desto mehr Heidekraut und Büsche wuchsen um uns herum. Dank Christophs gutem Auge erspähten wir links unten im Wasser eine graue Robbe. Sie schien uns mit ihren großen Augen anzustarren und sich zu fragen, wieso wir jetzt stehenblieben und ihr zusahen. Kurz vor dem Gipfel wurde es steiniger und der Wind nahm weiter zu. Dafür wurden wir mit einer klasse Aussicht belohnt.
Auf dem Rundweg, den wir uns ausgesucht hatten, wollten wir als Nächstes noch den kleinen Berg Carn Llidi besteigen. So folgten wir weiter dem Wanderweg, der an der Küste entlangführte. Wieder einmal sahen wir weiße Punkte in der Ferne – Schafe, die gab es hier übe.... nein, das waren keine Schafe! Weiße Wildpferde (wahrscheinlich Welsh Mountain Ponies) standen da tatsächlich in einer Gruppe am Fuße des Berges.
Leider konnten wir von hier aus nicht näher an sie heranrücken, da kein sinnvoller Weg dahin führte. Mitten durch die Büsche zu laufen wäre unklug gewesen, denn da zerkratzte man sich die Beine. Das mussten wir kurz darauf eigens feststellen, denn wir verloren den Komoot-Track und da diese Wanderung nicht ausgeschildert war, versuchten wir uns anhand der zu erahnenden Pfade wieder auf den von Komoot empfohlenen Weg zu kämpfen. Dabei wurde der Pfad immer schmaler und tatsächlich mussten wir dann ein Stück durch die stachelnden Büsche laufen. Mit den langen Wanderhosen ging es einigermaßen, aber für den armen Benji war das unangenehm. Schließlich nahm Christoph ihn auf den Arm und trug ihn einfach, bis wir zurück auf unserem Track waren.
Auch der letzte Pfad zum Gipfel ließ sich nur erraten. Wir mussten uns den Weg sozusagen erklettern. Vermutlich war irgendein verrückter Surfer, der auf unserem Campingplatz übernachtet hatte, mal auf die Idee gekommen, diesen Berg zu erkunden und hatte diese Komoot-Tour erstellt. Anders konnten wir uns das nicht erklären, denn einen Wanderweg gab es hier nun wirklich nicht mehr.
Die Wanderung war kurzweilig gewesen und so waren wir schon nach zwei Stunden wieder zurück am Campingplatz. Für alle Wanderfreunde ist hier noch der Komoot Track --> Link
Ein Shuttlebus fuhr alle halbe Stunde in den Ort St. Davids – die kleinste Stadt Großbritanniens mit nur rund 1.700 Einwohnern. Den Status als Stadt verdankt St. Davids vor allem seiner bedeutenden Kathedrale und seiner langen kirchlichen Geschichte. Wir beschlossen, den angebrochenen Tag noch für einen Besuch im Ort zu nutzen.
Der Bus hielt direkt vor dem Strand und so beeilten wir uns nach einer kurzen Ruhepause, den nächsten Shuttlebus um 14:35 Uhr zu erreichen. Hunde durften mitfahren – und bekamen sogar einen Hundekeks zur Begrüßung! Nur unsere Bankkarten wollte das Kartenlesegerät im Bus leider nicht akzeptieren. Zum Glück war der Busfahrer – ein älterer Waliser, der vermutlich kurz vor der Rente stand – so freundlich und ließ uns nach einigen Versuchen zu bezahlen einfach so einsteigen.
Die Fahrt über die engen Straßen war turbulent und der Busfahrer schien genau zu wissen, wo ein Auto kommen könnte und wann er anhalten musste. Durch die engen Buschtunnel wäre sonst kein Aneinander vorbeikommen möglich gewesen. Benji hatte seine Mühe, sich auf den Pfoten zu halten, und schien sichtlich erleichtert, als wir nach rund 15 Minuten im Ort wieder ausstiegen.
Zunächst gingen wir den kurzen Weg zur Kathedrale. Das beeindruckende Gebäude wurde ab dem späten 12. Jahrhundert errichtet und besteht aus dem für die Region typischen violetten Cambrian-Sandstein. Architektonisch wird sie dem Übergang von der normannischen zur gotischen Bauweise zugeordnet. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kathedrale immer wieder erweitert und verändert, besonders im 14. Jahrhundert unter Bischof Henry Gower. Dadurch findet man heute die spannende Mischung aus normannischen und gotischen Elementen.
Beim Umrunden des monumentalen Bauwerks fielen uns die hübschen Sandsteinfiguren an den großen Fenstern auf. An jeder Ecke waren neue Schnitzereien zu finden und so blieben alle Fenster auf ihre Weise besonders. Lustig waren auch die Sandsteinquader, die einfach nur in der Rohform belassen und bei denen offensichtlich die Bearbeitung vergessen wurde.
Ein kleiner Fluss, der Alun, schlängelte sich malerisch zwischen der Kathedrale und der danebenliegenden Ruine hindurch. Bei dieser handelte es sich um den mittelalterlichen Bishop’s Palace, den ehemaligen Palast der Bischöfe von St. Davids. Besonders im 14. Jahrhundert wurde die Anlage unter Bischof Henry de Gower zu einem beeindruckenden Palast ausgebaut. Heute sind große Teile davon nur noch als Ruine erhalten, die man gegen ein Eintrittsgeld besichtigen kann. Darauf verzichteten wir, da der Blick in den frei zugänglichen Innenhof, schon das meiste offenbarte.
Das Innere der Kathedrale beeindruckt durch sein mächtiges Gewölbe und die kunstvollen Steinmetzarbeiten. Auch das Grabmal von Bischof Henry Gower befindet sich dort. Die Kathedrale ist bis heute eine aktive Kirche und kann kostenlos besichtigt werden. Fotos vom Inneren haben wir aufgrund eines Pfarrers, der dort die ganze Zeit seine Kreise drehte, dann doch nicht aufgenommen. Dabei hätte man dann doch schon ein seltsames Gefühl gehabt.
Ein modernes Café auf der Rückseite verband den historischen Stil des Gebäudekomplexes mit der heutigen Zeit. Im Gegensatz zur Kathedrale selbst waren hier Hunde sogar erlaubt, was uns dennoch nicht verlockte einzukehren. Im selben Gebäudekomplex befand sich zudem das mittelalterliche St Mary’s College, eine Bildungseinrichtung des Kathedralbezirks.
Für das Geld, das wir beim Verzicht auf den Besuch des Bishop’s Palace gespart hatten, gönnten wir uns dann lieber ein Eis bei Nook, einer Eisdiele um die Ecke. Der Inhaber war ein cooler Mittdreißiger, der mit seinen Gästen gerne mal scherzte.
Beim Verlassen der Eisdiele entdeckten wir, dass man von hier aus auf den Berg Carn Llidi schauen konnte, auf den wir am Vormittag noch gestiegen waren.
Beim weiteren „Stadtrundgang“ entdeckten wir, dass der Innenstadtbereich tatsächlich nur aus einer längeren Straße bestand. Neben Restaurants, Surfshops, Souvenirläden, Cafés, Eisdielen und Sportgeschäften gab es hier außerdem einen sehr kleinen „Stadtpark“, der im Grunde eine etwas größere Verkehrsinsel ist.
Am Ende gönnten wir uns dann noch einen Kaffee in einer total süßen Espressobar namens The Pebbles. Unten wurde selbstgemachter Schmuck verkauft und oben konnte man es sich dann mit einem Cortado, Scone oder einer Matcha Latte gemütlich machen. Eine nette Waliserin sprach uns an, als sie hörte, dass wir Deutsche waren. Sie hatte 20 Jahre in Deutschland gelebt und sei nun in ihrer Rentenzeit wieder in die Heimat zurückgekehrt. Der Smalltalk mit uns schien ihr zu gefallen.
Dass die Menschen hier besonders nett waren, merkten wir ebenfalls, als wir später wieder mit demselben Busfahrer zum Campingplatz zurückfuhren. Da unsere Karten immer noch nicht funktionierten, ließ er uns wieder so mitfahren. Dieses Mal waren wir die einzigen Fahrgäste. Deshalb schien er uns auch eine kleine geführte Rundfahrt geben zu wollen.
Die Tour führte dieses Mal nicht direkt zurück zum Campingplatz, sondern passierte zunächst noch Porthclais, einen ehemaligen Handelshafen (laut dem Busfahrer auch als Schmugglerhafen genutzt). Der Hafen wurde im 12. Jahrhundert angelegt und diente unter anderem dem Umschlag von Kalkstein, Kohle, Getreide und Holz. Die alten Kalköfen sind bis heute erhalten. Der Busfahrer erzählte uns außerdem, dass Porthclais bei Ebbe schöner sei als bei Flut.
Danach kamen wir am Busstopp zum Pier zur Insel Ramsey Island vorbei – eine Insel, die man unbedingt besuchen sollte, da es dort seltene Vögel zu beobachten gäbe und nur sehr wenig Inselbewohner. Rund um Ramsey gibt es zudem starke Gezeitenströmungen. Mit etwas Glück kann man dort unter anderem Delfine und Schweinswale beobachten.
Interessant war auch seine Aussage zur danebenliegenden Ruine, in der manchmal Hochzeiten stattfanden und zu der zeitweise Fahrgäste mit ihm fuhren, die bei der Hinfahrt herausgeputzt und schick waren und bei der Heimfahrt total zerstört und nicht wiederzuerkennen.
Er fuhr diese Route zehnmal am Tag und schließe zeitweise die Augen, damit er die schweren Stellen einfacher überwinden könne – so seine Worte. Ein weiterer seiner Tricks war es, einfach stehen zu bleiben, wenn jemand entgegenkam und sich weigerte Platz zu machen. Nach einiger Zeit fuhr jeder freiwillig in eine Ausweichbucht zurück.
Das Highlight waren die zwei Reiterinnen, die plötzlich vor uns auf der Straße auftauchten. Der Bus tuckerte gemächlich hinter ihnen her, bis sich eine Stelle zum Überholen anbot. Alle winkten sich freundlich zu – das war mal eine großartige Gemütlichkeit, die die Menschen hier an den Tag legten.
Um den Abend perfekt zu machen, wollten wir zurück am Strand, noch ein kleines Bad im Meer nehmen. Der Whitesands Beach ist vor allem ein Surferstrand, hat aber auch Bereiche, in denen man schwimmen darf. Leider waren Hunde auch hier bis Ende September nicht erlaubt. Das schien in Wales so ziemlich an allen Badestränden normal zu sein, so unsere bisherige Erfahrung.
Auf dem Klippenweg rund um den Strand herum durfte der Kleine allerdings mit und so beschlossen wir, abwechselnd in die Fluten zu springen. Leider war die Sonne mittlerweile nicht mehr so stark und der Wind sehr kühl. Christoph schaffte es kurz ins Wasser zu gehen, Marilyn jedoch passte. Es würden auch noch wärmere Tage kommen... hoffentlich!
Zurück am Bulli hatten wir neue Nachbarn bekommen – zwei Londonerinnen, die sich mit ihrem urigen VW T3 Bus mitten vor unsere wundervolle Aussicht platziert hatten. Die Damen waren allerdings ganz nett und hatten auch zwei kleine Hunde mit dabei. Sie gaben uns einen klasse Tipp für einen Campingplatz an einem See oben in Snowdonia – einer Region, in die wir in Kürze auch noch reisen würden.
Tipps von Einheimischen waren, wie wir von unserer Europareise wussten, schließlich immer die besten. Auch mit fast allen anderen Campern hier auf dem Platz – die Anzahl an Gästen war sehr überschaubar – waren wir zufällig ins Gespräch gekommen. Die einen mochten Benji sehr gerne, die anderen unseren Bulli und noch ein anderer sympathisierte mit Christophs Bart.
Die Freundlichkeit der Menschen hier – egal ob Waliser oder Engländer aus anderen Regionen – faszinierte uns wieder mal aufs Neue. So ging dieser sehr gelungene Tag mit einem Sonnenuntergang zur Neige...
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