Ritt auf dem Drachen

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 00:51

Immer noch fasziniert von unserem Erlebnis mit den Gezeiten vom Vortag steuerten wir den Worm’s Head an – einen Ort, an dem man eine weitere tolle, gezeitenabhängige Wanderung unternehmen konnte. Ganz am westlichen Zipfel der Gower-Halbinsel findet man den Worm’s Head – eine Gezeiteninsel, die nur bei Ebbe über eine felsige Verbindung mit dem Festland verbunden und somit nur dann zu Fuß erreichbar ist. Vom Parkplatz des National Trust aus ging es zunächst auf gut ausgebauten und auch rollstuhl- und kinderwagengerechten Wegen rund 30 Minuten zum Coastguard-Häuschen. Dort befindet sich heute ein von Freiwilligen besetzter National-Coastwatch-Posten, von dem aus die Küste und natürlich auch der Zugang zum Worm’s Head beobachtet werden.

Auf dem Weg dorthin erhaschten wir zur rechten Seite noch spektakuläre Blicke auf den von TripAdvisor mehrfach ausgezeichneten Rhossili Bay Beach, der sich vor einer beeindruckenden Steilküste erstreckte. Der Strand wurde von TripAdvisor bereits als bester Strand Großbritanniens ausgezeichnet und zählt regelmäßig zu den besten Stränden der Welt. Das Wasser hatte sich schon zum Teil zurückgezogen und große Flächen freigelegt, die die Spaziergänger magisch anzogen. Ganz klein konnten wir unten auch die letzten hölzernen Reste eines Schiffswracks erkennen, die hier im Sand begraben liegen. Dabei handelt es sich um die Helvetia, die 1887 vor Rhossili strandete und deren Überreste bei Ebbe noch heute sichtbar sind.

Die Szenerie erzeugte eine mystische Stimmung. Lustigerweise verwandelten ein paar Schafe, die nahe der Klippen im Gras lagen, die Szenerie dann doch eher in ein idyllisches als in ein mystisches Landschaftsbild.

Am Coastguard-Häuschen angekommen, fiel unser Blick direkt auf ein Schild ein paar Meter weiter – die Zeiten für den sicheren Zugang zum Worm’s Head wurden hier angezeigt. Das Schild warnte zudem davor, zu spät von der Insel zurückzukehren oder gar den Versuch zu wagen, bei zurückkehrender Flut zurückzuschwimmen. In der Vergangenheit sind dabei bereits Menschen ums Leben gekommen.

Der Zeitraum für unsere Erkundungstour auf der Insel war jedoch groß: Von 13 Uhr bis 18 Uhr konnte man an diesem Tag den Worm’s Head sicher überqueren. Diese Zeiten ändern sich täglich, deshalb sollte man sich vorher immer erkundigen bzw. das Schild vor Ort lesen. Die Zeit war für die Erkundung der Insel mehr als ausreichend. Da wir Punkt 12:30 Uhr vor dem Schild standen, hatten wir sogar noch 30 Minuten Zeit, das Meer zu beobachten, wie es sich langsam zurückzog.

Und tatsächlich wurden nach und nach die von schwarzen Muscheln überzogenen Felsen freigelegt, über die wir in Kürze auf die Insel wandern würden. Fasziniert beobachteten wir dieses Wunder der Natur und starteten schließlich gegen 13 Uhr mit ein paar anderen Abenteurern die Überquerung des Felsenmeers. Denn die Insel war ausschließlich über dieses zu erreichen.

Das bedeutete, dass wir uns den Weg über die Felsen und Steine suchen mussten und nicht einfach über einen angelegten Weg gehen konnten, so wie wir es zunächst angenommen hatten. Zum Teil gab es auch noch große Wasserläufe, die noch nicht trocken waren. So mussten wir manchmal mit großen Schritten über das Wasser von Fels zu Fels springen oder über kleine Steine balancieren, um keine nassen Füße zu bekommen.

Der Grip auf den mit Muscheln übersäten Felsen war zum Glück erstaunlich gut und so war die Gefahr abzurutschen eher gering. Benji bemühte sich anfangs ebenfalls, auf den Felsen zu laufen, bis es ihm dann zu anstrengend wurde und er schlussendlich einfach durch das Wasser stapfte, das ihm nicht einmal bis zum Bauch reichte.

Eine mittelalte englische Lady hängte sich an uns dran, da sie merkte, dass wir die Route ganz gut wählten. Offensichtlich war sie froh darüber, den Weg nicht alleine gehen zu müssen. Nach guten 30 Minuten hatten wir die Insel dann erreicht und standen wieder auf normalem Boden.

Mit einem „Challenging, isn’t it?“ – was so viel wie „Herausfordernd, oder?“ bedeutet – verabschiedete sich die Frau dann von uns und zog alleine auf der Insel weiter.

Plötzlich deuteten vor uns ein paar Leute rechts die Insel hinunter auf die Felsen. Wir gingen zu ihnen und sahen, wieso sie so aufgeregt waren: Eine große Robbe lag mitten auf einem Felsen, gar nicht so weit von uns entfernt. Sie versuchte gerade, sich mit ihrem massigen Körper über die Felsen wieder Richtung Meer zu robben.

Nach ein paar Fotos wurden wir darauf aufmerksam, dass ein paar Schritte weiter vorne eine ganze Gruppe von Robben auf den Felsen lag, ein Stück die Klippe hinunter. Wahnsinn, diese tollen Tiere aus solch einer Nähe beobachten zu können. Bei den Tieren handelte es sich um Graue Robben, die rund um den Worm’s Head regelmäßig auf den Felsen zu beobachten sind.

Danach erkundeten wir die Insel, die im Übrigen tatsächlich ein wenig an einen Drachen erinnern soll. Der Name „Worm“ stammt aus dem Nordischen und bedeutet so viel wie „Seeschlange“ beziehungsweise „Drache“. Die Wikinger sollen die Form der Insel sogar mit einem schlafenden Drachen in Verbindung gebracht haben.

Der Drache ist für Wales außerdem ein wichtiges Nationalsymbol und ziert die walisische Flagge. Wieso das so ist erzählen wir euch in unserem nächsten Blogeintrag. Wenn man aus der Ferne auf den Worm’s Head blickt, kann man tatsächlich mit etwas Fantasie einen Drachen erkennen, der den Kopf aus dem Wasser streckt. Der Hals verschwindet bei Flut unter Wasser und weiter hinten ragt der Rücken noch aus dem Meer.

Zunächst bestiegen wir also den Rücken des Drachens – einen kleinen grünen Berg direkt zu Beginn der Insel. Natürlich hatten wir da oben eine wundervolle Aussicht, die wir erst einmal zusammen mit einigen anderen Abenteurern genossen.

Von dem Berg aus konnten wir auch schon auf unseren nächsten Abschnitt blicken – ein Felsenmeer, allerdings dieses Mal mit schräg liegenden, großen Felsblöcken, über die man mehr oder weniger klettern musste. Das war der Hals des Drachens, der bei Flut unter Wasser lag. Dementsprechend schwarz war der Fels hier auch.

Viele Wanderer drehten hier bereits um und gingen lieber wieder zurück. Nicht wir – wir folgten ein paar Mutigen und gingen gemeinsam mit ihnen über das Felsenmeer. Es war einfacher als gedacht und auch Benji stellte sich bei der Überquerung super an. Ehrlich gesagt tat er sich sogar einfacher als wir beide.

Nachdem auch dieses Hindernis überwunden war, konnten wir wieder auf normalen Wanderwegen gehen. Diese führten uns zu einer Naturbrücke aus Stein, die über ein großes Felsenloch führte.

Die letzte Etappe erinnerte an einen richtigen Bergwanderpfad. Die Wege wurden steiler und steiniger und hatten stellenweise kleine Kletterpartien dabei. Allerdings waren diese so einfach und nicht besonders hoch, dass man sie problemlos ungesichert erklettern konnte.

Auffällig war hier auch das lange, weiche Gras neben den Wanderpfaden. Man konnte sich einfach so hineinfallen lassen und fiel superweich, fast wie auf eine Matratze.

Der höchste Punkt der Insel, an dem es dann auch nicht mehr weiterging, war schließlich der Kopf des Drachens. Der Ausblick hier erstreckte sich über den gesamten Worm’s Head, den Ausgangspunkt der Wanderung oben auf den Klippen sowie den Rhossili Bay Beach. Am Horizont konnte man sogar bis nach Devon blicken. Vom höchsten Punkt von Rhosili aus sind bei klarer Sicht unter anderem West Wales, Lundy Island und die norddevonische Küste zu sehen.

In Summe hatten wir vom Coastguard-Haus aus 1 Stunde und 15 Minuten bis zu dieser Stelle gebraucht. Wenn man dieselbe Zeit für den Rückweg einrechnet und noch eine kurze Pause zum Verweilen hinzufügt, kann man den „Worm’s Head Walk“ locker in 2,5 bis 3 Stunden gehen. Da man insgesamt rund fünf Stunden Zeit rund um Niedrigwasser hat, bleibt also noch ein ordentlicher Puffer. Die National Trust empfiehlt ungefähr 2,5 Stunden auf jeder Seite des Niedrigwassers.

Fazit: Wer früh startet, der hat ausreichend Zeit. Ausnahmsweise waren heute wir diejenigen gewesen, die diesen Vorteil genießen durften. Dennoch verweilten wir nur 15 Minuten auf dem Drachenkopf und machten uns dann auf demselben Weg zurück zum Anfang der Insel. Man wusste ja nie …

Deutlich mehr Menschen als auf unserem Hinweg gingen inzwischen über das Felsenmeer auf dem Rücken des Drachens entlang und kamen uns dort entgegen. Auch andere Hunde waren hier mit dabei. Einige Personen taten sich sichtlich schwer, die großen Felsen zu überwinden und sich einen guten Weg zu suchen. Noch war es allerdings früh genug und sie sollten dennoch genügend Pufferzeit haben.

Dieses Mal umgingen wir den ersten Berg zur rechten Seite und kamen am offiziellen Eingang der Insel heraus. Den erkannten wir daran, dass zum einen das National-Trust-Symbol auf einem Schild stand, auf dem „Worm’s Head“ stand, und zum anderen an der großen Glocke, die man im Notfall läuten konnte, um Hilfe herbeizurufen. Die Glocke musste bis zum Coastguard-Haus zu hören sein.

Bei unserer Ankunft waren wir direkt an der rechten Inselseite entlanggegangen und hatten diese Stelle gar nicht bemerkt. Dafür aber hatten wir die Robben gesehen, die uns sonst entgangen wären.

Zurück auf dem letzten Steinfeld gen sicheres Ufer passierten wir eine kleine Gruppe Menschen, von denen eine Frau verletzt zu sein schien. Sie blutete an der Wange und schien sich den Fuß verletzt zu haben. Vermutlich war sie von einem Felsen abgerutscht und dabei gestürzt. Wir erfuhren, dass Hilfe schon unterwegs sei.

Auf unserem weiteren Rückweg konnten wir beobachten, wie ein Wagen mit Sirene oben auf der Klippe angefahren kam. Vier blau gekleidete Coastguards eilten uns entgegen, mit Notfallrucksäcken auf den Schultern. Wir wunderten uns noch, dass sie keine Trage mit dabei hatten, da die Frau offensichtlich nicht weiterlaufen konnte.

Als wir wieder an unserem Auto ankamen, sahen wir den Grund – ein Helikopter kam angeflogen, um die Frau auf diesem Wege dort herauszuholen.

Wir waren heilfroh, dass uns nichts passiert war, denn es musste ein furchtbares Gefühl sein, dort festzusitzen und zu wissen, dass irgendwann die Flut kommen würde. Genau dafür waren die Coastguards da – um Menschen in der Not zu helfen, egal ob sie einen tragischen Unfall gehabt oder fahrlässig gehandelt hatten. Dennoch war es ein absolut tolle und abenteuerliche Wanderung auf dem Drachen - hier der Komoot Track, für alle Interessierte --> Link.

Die Nacht gönnten wir uns einen Campingplatz direkt um die Ecke. Eigentlich hatten wir den Sonnenuntergang über dem Drachen sehen wollen, den man von der Terrasse der Hotelbar direkt am Parkplatz des Worm’s Head beobachten konnte. Leider machten die Wolken es uns an diesem Abend unmöglich, sodass wir den Versuch erst gar nicht starteten.

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